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Vicky Cristina Barcelona

USA 2008. R,B: Woody Allen. K: Javier Aguirresarobe. S: Alisa Lepselter. P: Mediapro, Gravier Productions. D: Scarlett Johansson, Penélope Cruz, Javier Bardem, Rebecca Hall, Kevin Dunn, Patricia Clarkson u.a.
96 Min. Concorde ab 4.12.08

Sex auf der Couch

Von Mark Stöhr Was für ein großartiger Film. Lustig, schlau, sexy. Es hätte ein großer Film werden können. Doch leider hat ihn Woody Allen gemacht. Der New Yorker Chef-Neurotiker wird in diesem Leben die Couch nicht mehr verlassen. Er hat sie selbst mit nach Europa gebracht. Das ist die Tragik seines Lebens. Das häufigste Prinzip einer Psychotherapie ist, daß man über Dinge spricht, die man nicht tut. Und da man in der Zeit, in der man über das Nichttun spricht, auch nichts tut, muß man über das neue Nichttun wieder sprechen. Ein ewiges Sprechen und Nichttun. Das ist das häufigste Prinzip von Woody Allens Filmen. Diesmal hat Allen von seiner Couch aus den Überblick verloren. Zumindest für eine Zeit. Deshalb ist das sein bester Film seit langem. Javier Bardem und Penélope Cruz toben durch Vicky Christina Barcelona wie der Hurrikan Ike durch Texas. Allen versucht sie immer wieder einzufangen, mit puritanischen Ausblendungen und Schnitten, mit seinen gewohnt schlaumeierischen und pointierten Dialogen, mit der Hilfskonstruktion eines lakonischen Erzählerkommentars, der das Allen-Universum einzäunen will und immer wieder Dammbruch erleidet. Denn die beiden Spanier spielen mit einer solchen physischen Vehemenz, einem solchen emotionalen und erotischen Donnerwetter, daß Scarlett Johansson daneben so blaß und überfordert wirkt, als bewerbe sie sich gerade an der Schauspielschule. Das immerhin entspricht dem Rollenprofil, das Allen für sie entworfen hat.

Für Bardem und die Cruz hat der 72-Jährige jedoch keine wirkungsvolle Lösung. Sie machen unmittelbares, sinnliches, europäisches Kino, während Allen auf seiner 70er-Jahre-Couch die Hände vors Gesicht schlägt und darüber sprechen will. Das ist schade. Es hätte ein großer, roher, animalischer Film werden können. Woody Allen war zu feige, vielleicht auch einfach zu amerikanisch. Wahrscheinlich erzählt er genau das in diesem Moment seinem Therapeuten. 2008-10-02 11:20

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #52.

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