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Nuit de chien – Diese Nacht

F/D/P 2008. R: Werner Schroeter. B: Gilles Taurand. K: Thomas Plenert. S: Julia Grégory, Bilbo Calvez. M: Eberhard Kloke. P: Alfama Films, Filmgalerie 451, Clap Filmes. D: Pascal Greggory, Bruno Todeschini, Amira Casar, Jean-François Stévenin, Marc Barbé, Sami Frey, Elsa Zylberstein, Nathalie Delon, Bulle Ogier, Lena Schwarz, Pascale Schiller u.a.
118 Min. Filmgalerie 451 ab 19.3.09

Ich sterbe, also bin ich

Von Mark Stöhr Es beginnt, wie es endet, mit einem Zitat von Shakespeare: »Von allen Wundern, die ich je gehört, scheint mir das größte, daß sich die Menschen fürchten; da sie doch sehen, der Tod, das Schicksal aller, kommt, wann er kommen soll.« Damit sind die transzendenten Pfeiler des jüngsten Films von Werner Schroeter abgesteckt, der mehr ein düsteres Ölgemälde ist denn eine fortschreitende kinematographische Erzählung. Der Tod und die Angst der Menschen davor, ihr Kampf ums Überleben, der in die Selbstzerstörung und gegenseitige Vernichtung mündet – davon handelt Nuit de chien – Diese Nacht.

Der Film geht auf den gleichnamigen Roman des uruguayischen Schriftstellers Juan Carlos Onetti aus dem Jahr 1943 zurück. Die imaginäre Stadt Santa María ist im Belagerungszustand. Vor den Toren steht General Fraga, der mit seinen Truppen jeden Moment zuschlagen kann. Doch die Stadt ist nicht nur von außen, sondern auch von innen belagert. Jeder ist des anderen Feind. Verbündete werden zu Verrätern, die Milizen des Geheimpolizeichefs Morasan marodieren durch die Straßen und töten jeden, der sich ihnen in den Weg stellt. Ein kafkaeskes, klaustrophobisches Horrorszenario. Ossorio Vignale, die Hauptfigur, versucht dem mörderischen Wahnsinn zu entfliehen. Sein Ziel ist ein Ozeandampfer, der im Hafen auf seine Abfahrt wartet und im Morgengrauen ablegen soll. Es gilt, »diese Nacht« zu überleben.

Drehbuchautor Gilles Taurand hat in die hermetische, parabelhafte Romanvorlage dramaturgische Stützbalken eingezogen. Aus Ossorio, bei Onetti ohne Vorgeschichte, wird ein Chirurg und politischer Widerstandsheld, der in den Bergen den Militärs um Fraga entgegentrat. Er kehrt nach Santa María zurück, wo er seine Geliebte Clara, ebenfalls eine Erfindung des Drehbuchs, treffen und mit ihr auf das Schiff flüchten will. Wie Orpheus steigt Ossorio in die Unterwelt hinab, um seine Eurydike zu befreien. Doch Clara ist verschwunden. Wurde sie, eine politische Journalistin, Opfer der Geheimpolizei?

Werner Schroeter hatte, wie er in einem Interview sagte, seinem portugiesischen Produzenten Paulo Branco versprochen, einen Film zu machen, der auch in Deutschland, nicht nur in Frankreich, verstanden wird. Er hat Wort gehalten. Doch er inszeniert die Geschichte mit seiner ihm eigenen bildgewaltigen Fantasie, die nicht an der psychologischen Auserzählung der Figuren, an Action oder Suspense interessiert ist. Er entwirft eine entfremdete, entmenschlichte Welt, in der sich das Böse mit entfesselter Brutalität Bahn bricht, mit den stilistischen Mitteln der Oper. Wenn etwa Morasan mit seinen Schergen eine Razzia in einem Bordell macht, erstarren die Figuren zu Skulpturen, die Kamera fährt ein unbewegtes Tableau des Entsetzens und der Angst ab. Oder wenn sich Barcala, der gestürzte Diktator, in einer der eindrücklichsten Szenen des Films zu Rossinis »Stabat Mater« in die Luft sprengt, auf seinem samtroten Thron sitzend, in einem Meer aus weißen Federn, schon mehr im Jenseits als noch auf der Seite der irdischen Welt. Das sind Momente von betörender Schönheit, die den utopischen Gehalt des Menschlichen beschwören, als Gegenentwurf zum bestialischen Massaker.

Es ist nichts Wehleidiges, nichts Sentimentales in diesem Film. Schroeter beherrscht die große pathetische Geste wie kein anderer. Er richtet nicht über seine Figuren, er betrauert ihre Jämmerlichkeit, ihre Schwäche und entdeckt sogar im selbstzerstörerischen Ausbruch ihrer Obsessionen noch Spurenelemente der Liebe, zu der sie einmal fähig waren. Wie der Gekreuzigte, der sich als religiöses Leitmotiv durch Nuit de chien – Diese Nacht wie durch so viele Arbeiten Schroeters davor zieht, wird der Regisseur Zeuge einer Gesellschaft, die eine schwarze Messe feiert, weil sie sich selbst verloren hat. In den Tagebuchnotizen Claras, die Ossorio auf der Suche nach seiner Geliebten findet, heißt es: »Dafür muß man leben: Für den vollkommenen Augenblick des Glücks, der vollkommenen Liebe, der vollkommenen Widerwärtigkeit.« Das alles findet sich in Werner Schroeters aktuellem Film. Dafür muß man ihn sehen. 2009-01-05 12:20

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