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Nuit de chien – Diese Nacht

F/D/P 2008. R: Werner Schroeter. B: Gilles Taurand. K: Thomas Plenert. S: Julia Grégory, Bilbo Calvez. M: Eberhard Kloke. P: Alfama Films, Filmgalerie 451, Clap Filmes. D: Pascal Greggory, Bruno Todeschini, Amira Casar, Jean-François Stévenin, Marc Barbé, Sami Frey, Elsa Zylberstein, Nathalie Delon, Bulle Ogier, Lena Schwarz, Pascale Schiller u.a.
118 Min. Filmgalerie 451 ab 19.3.09

Allegorie auf Leben und Tod

Von Eleonóra Szemerey Am Anfang ist der Kreisschwenk. Ein bedächtiger, wissender, zeigender. Exemplarisch führt er ein in ein eigenwilliges Werk aus Bildern und Tönen in assoziativen Collagen. Als stummer Erzähler verweist er auf zentrale Motive der folgenden zwei Stunden: Wir sehen Teufel, Menschen, Folter und Blut, makaber verflochten mit jugendlicher Unschuld, zärtlich forschender Lust und großer Musik. Mystisch angehauchter Körperkult, omnipräsente (Homo-)Erotik und ambivalent inszenierter Sadismus geleiten in eine Filmwelt, in der es um nichts Geringeres geht als um den Menschen und seine Leidenschaften, seinen Lebenstrieb und seine Todesfurcht.

Der visuelle Exkurs endet schicksalhaft, wo er begonnen hat: beim Gehörnten; und wir betreten den Ort des Geschehens, der sich von Anfang an jeglicher raum-zeitlichen Konkretisierung entzieht. Nicht nur, daß Kostüme und Kulissen verschiedenste Stilepochen heraufbeschwören und Szenen zugleich in Echtzeit und Zeitlupe ablaufen oder gar gänzlich einfrieren. Auch bleibt eine topographisch-politische Orientierung unmöglich: Weder wird klar, mit welcher Macht und weshalb das hoffnungslos umzingelte Santa María Krieg führt, noch wo sich die selbst schon labyrinthischen Schauplätze in ihm befinden. Die Bedrohung ist ebenfalls unsichtbar, Festpunkte gibt es keine; greifbar sind lediglich die aus alledem resultierende Angst und Gewalt.

Mit uns ist Luis Ossorio Vignale angekommen in Dystopia, Werner Schroeters universal angelegter Allegorie auf den Ausnahmezustand des Mensch(lich)en. Er ist zurückgekehrt, um mit seiner Geliebten die letzte Fluchtmöglichkeit zu ergreifen. Doch ist Clara nicht aufzutreiben, bleibt ebenso abstrakt wie der vermeintliche Feind, fungiert lediglich als Name für den Antrieb Vignales: die Liebe. Und so hetzt der Suchende eine endlose Nacht hindurch von Station zu Station, erlebt Befremdliches, Schockierendes und Groteskes, ohne seinem Ziel auch nur einen Deut näherzukommen. Umgangsformen und Hierarchien lösen sich um ihn herum auf, Menschen, die ehemals Ideale hatten, laufen zu ihren Todfeinden über, schieben jegliche Schuld von sich – und bemerken nicht, wie sie sich dabei von innen heraus zerstören.

Diese Grundkonstruktion schimmert immer wieder durch die mit hauchdünnem Plot überzogene Oberfläche, die überladene Form verweist auf die Modellhaftigkeit der Story, welche ohnehin keiner dramaturgischen Konvention gehorcht. Die Charaktere bleiben undurchsichtig, ihre überhitzten Handlungen kulminieren immer wieder in Momentaufnahmen menschlichen Scheiterns. An diesen arbeitet Schroeter seine zuweilen hochbrisanten und erkenntnisbringenden, zuweilen sich selbst feiernden, in Gewalt und Sinnlichkeit schwelgenden Ideen und Assoziationen zu den großen Fragen des Lebens und Sterbens ab. Bewundernswert an dem Endprodukt ist: seine radikale Eigenwilligkeit – gefährlich an der Radikalität: ihre Unverbindlichkeit. 2009-01-05 12:20

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #53.

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