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Alle anderen

D 2008. R,B: Maren Ade. K: Bernhard Keller. S: Heike Parplies. P: Komplizen Film. D: Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Hans-Jochen Wagner, Nicole Marischka u.a.
124 Min. Prokino ab 18.6.09

Kein Ufer, nirgends

Von Susan Noll Die ersten Szenen in Maren Ades zweitem Film Alle anderen trügen. Da sieht man ein junges Paar mit zwei kleinen Kindern in ihrem Sommerhaus. Es ist ein bekanntes Bild, eine typische Familie zwischen Knatsch und Liebhaben. Sie stehen ihnen gut, die Kinder, aber irgendetwas paßt nicht in dieses Bild, die Sonne scheint viel zu hell, die beiden jungen Leute sind viel zu jung, und irgendwie sieht das alles doch zu glücklich aus. Der Streit kommt gleich im nächsten Moment. Gitti, die energiegeladene junge Frau, bringt der kleinen Rebecca bei, wie man jemanden richtig anschreit. »Ich hasse dich, ich verabscheue dich. Ich erschieße dich.« Tödlich getroffen von den gespielten Schüssen fällt sie in den Pool. Wegweisend kann diese Streitübung sein, für Gitti wird sie existenziell werden. Was für ein Glück, daß es nicht ihre eigenen Kinder sind, Chris’ Schwester hat ihren Nachwuchs zwischenzeitlich zur Betreuung abgegeben, und das ist doch eine gute Gelegenheit, um das Elternsein auszutesten.

Als bessere Konstellation bietet sich dann aber doch die Zweisamkeit an, denn es gibt genügend Zünd- und Redestoff, um den Film zu einer Tour de Force durch das Liebesleben eines modernen deutschen Paares zu machen. Nach Sardinien haben sie sich in den Urlaub geflüchtet, vor der Heimat, den Freunden und, wie sich zeigen wird, vor ihrer Beziehung und sich selbst. Chris, der ruhige junge Mann, ist Architekt und hätte eine gute Zukunft haben können. Nun aber dämpft die Unsicherheit sein Gemüt. Eine alte Villa, die er auf der Insel umbauen soll, würde er am liebsten abreißen und neu bauen, ein Wettbewerb, der den erhofften Durchbruch bringen soll, lehnt seine Entwürfe ab. Und Gitti, der der Urlaub zur Entspannung gereicht, räkelt sich in der Sonne. Die Enklave Sommerhaus entwickelt schnell eine Eigendynamik und wird zur Zerreißprobe für die Beziehung. Das Nichtstun, das der Film mit seiner langsamen Montage und der unbeteiligt beobachtenden Kamera fühlbar einfängt, legt den unverblendeten Charakter des anderen frei. Alles bricht aus den Figuren heraus in einer exaltierten Körperlichkeit, mit der sich Gitti immer wieder wie ein Äffchen an ihren Freund hängt, und langen Gesprächen. Sie reden viel über sich selbst und ihre Ziele, sie haben tollen Sex und tollen Streit. Aber es braucht ein falsches Wort, und alles kippt. Ein einziges Schwanken zwischen Harmonie und Eskalation ist dieser Film, dabei aber immer nüchtern, nie zu überschwenglich. Wie ein Strudel dreht er sich um die beiden Figuren, läßt sie aber nie an ein rettendes Ufer kommen. Vielmehr erscheinen sie wie zwei Ertrinkende, die endlos um ihre Probleme kreisen. Zwei junge Künstler ohne Kunst, Yuppies ohne New Economy, die nicht wissen, wo sie selbst ankommen wollen, sich diese Verlorenheit nicht eingestehen und um des Kampfes willen ihre Beziehung aufrecht erhalten. Das kann man Bindungsunfähigkeit nennen oder einfach die Krankheit einer Generation, die nicht nur auf dem Arbeitsmarkt, sondern vor allem auch im Privatleben verloren ist. Sie wollen nicht so sein wie alle anderen und sind es doch. Ein aktuelles Thema, das der Film – ganz Berliner Schule – nur am Rande berührt und der kargen Ästhetik unterordnet.

Dialog und Dramaturgie setzen ganz auf das geplante, genaue und sehr körperliche Spiel der Hauptdarsteller Birgit Minichmayr und Lars Eidinger, denen es gelingt, ihren Figuren keine leicht greifbare Oberfläche zu verleihen. Menschlich ist der Film aufgrund seiner Nähe zum Leben. Er spricht aus, was man so oft nicht wahrhaben will, was sich hinter Träumen versteckt und als Phrasen formulierbar macht. Darin liegt seine große Stärke. Auch wenn der Dialog über allem anderem dominiert und sein Inhalt selbst als Phrase erscheint, so ist es doch in der Realität zumeist das, auf das man zurückgeworfen wird.

Die bildliche Konzentration alles Visuellen auf den besonderen Moment, von der Einstellungsgröße und -länge, dem Wechselspiel von Licht und Schatten bis hin zur Konzeption des Raumes, korrespondiert mit dem intensiven Spiel der Schauspieler. Die alte Villa: lieber abreißen als umbauen, ein Credo, das ohne weiteres für die Beziehung stehen kann. Alles strebt auf den einen Punkt zu, an dem das bildliche und inhaltliche Gefühlsfegefeuer auszubrechen droht. Dieser Punkt bleibt allerdings der Nüchternheit des jungen deutschen Films verpflichtet. Die Ästhetik hält sich zurück, und die Figuren schwimmen ihrem stillen Untergang entgegen.

2009-04-06 15:32

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