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Zerrissene Umarmungen

Los abrazos rotos. E 2009. R,B: Pedro Almodóvar. K: Rodrigo Prieto. S: José Salcedo. M: Alberto Iglesias. P: El Deseo, UIP. D: José Luis Gomez, Penélope Cruz, Marta Aledo, Rubén Ochandiano, Javier Coll, Carlos Leal, Lluís Homar, Tamar Novas u.a.
129 Min. Tobis ab 6.8.09

Geballte Gewerke

Von Thomas Warnecke Reden wir über uns, so wie dieser Film ja auch über sich selbst redet (um keine persönliche Vertrautheit mit dem Regisseur vorzutäuschen, indem ich behauptete, Almodóvar spräche in diesem Film von sich selbst): Noch nie hat ein Film so gut auf die »Schnitt«-Titelseite gepaßt wie dieser. Als Film wie als Film im Film ein Manifest des perfekten Zusammenspiels aller Gewerke inklusive Penélope Cruz’ Beine. Der Dank an Fahrstuhl zum Schafott bleibt da nicht aus, wie ebenso z.B. an Belle de jour oder 8 ½, kurz: an die Besten. Allein schon, wie dieser Dank in den Film eingebaut ist, die Selbstverständlichkeit, mit der der Lebende sich den großen Toten verbunden weiß.

Zum Beispiel läßt sich Lluís Homar, mittlerweile blind und Drehbuchautor, Fahrstuhl zum Schafott vorspielen, um Jeanne Moreaus Stimme zu hören. Ihren Gang sehen wir gar nicht und sehen ihn doch: Noch nie hat ein Almodóvar-Film so viel über den Dialog erzählt – und über den Dialog: Von Marcel Pagnol gibt es die Anekdote, daß er während des Drehs, anstatt zuzusehen, lieber in die Tonkabine ging: Wenn es für das Mikrophon gut ist, ist es auch für die Leinwand gut. Dutzendfach führt Zerrissene Umarmungen vor, was die Intensität des Sprechens guter Schauspieler in einer starken Szene bewirkt, wie sich Worte und Bilder voneinander ablösen, sich miteinander verbinden und gegenseitig hervorbringen. Deutlich wie selten ist der Schnitt hier nicht der »Cut!«, der etwas beendet oder abkürzt, sondern die Montage, die Räume läßt oder gar öffnet. Almodóvars Film scheint dramaturgisch gerade deshalb so vollkommen, weil er eben nicht im konventionellen Sinne perfekt getimet ist, sondern weil er so unglaublich frei ist im Umgang mit Zeit und Zeitebenen, wie das nur unbekümmerten Anfängern oder eben vollendeten Künstlern gelingt. Eine Hommage an die Gebärmaschine Schnittraum, in dem erst all die eingefangenen Leidenschaften, Schmerzen und geglückten Momente sichtbar werden.

Von denen dieser Film unglaublich viele hat, ach was, aus denen er praktisch vollständig besteht, in einem solchen Übermaß, daß er seine vielen Wendungen garnicht groß als überraschende verkaufen muß. Etwa das klassisch-melodramatische »Er ist dein Vater«. Kinder haben in Almodóvars Filmen (wie diese selbst, falls es dieses Hinweises noch bedarf) eh immer schon mehrere Väter gehabt; in diesem Sinne ist Zerrissene Umarmungen der Filmfamilienfilm fürs 21. Jahrhundert. Und übrigens auch ohne all dies herausragend: Die Beine, die Wunden, Rot!, der Tod, und immer wieder vor allem: das Leben, die Liebe, die Solidarität! Ganz weit vorne, ehrlich. Wie z.B. seine Hauptdarstellerin, die schönste Frau der Welt. 2009-07-09 10:58

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.

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