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Das weiße Band

D/A/F/I 2009. R,B: Michael Haneke. K: Christian Berger. S: Monika Willi. P: Wega-Filmproduktion, X Filme Creative Pool. D: Susanne Lothar, Christian Friedel, Burghart Klaußner, Ulrich Tukur, Josef Bierbichler, Branko Samarovski, Birgit Minichmayr u.a.
144 Min. X Verleih ab 15.10.09

Das Gleichgewicht der Grausamkeit

Von Martin Thomson Michael Haneke setzt immer dort an, wo es weit mehr weh tut als sich mit einem Bild darstellen ließe. Dort, wo etwas spürbar wird, aber nie zur vollständigen Sichtbarkeit gelangt. Gewalt war bei ihm noch nie auschließlich der Akt ihrer physischen Ausführung. Die erschütternde Wirkung seiner Filme ergibt sich weniger aus dem Sichtbaren, als aus dem, was in der Darstellung aus dem Unsichtbaren mit- und nachschwingt. Oder eben aus dem, was sich dem Zuschauer als düstere Vorahnung aufdrängt.

Ein zerbrochenes Ei. Ein harmloser Kinderstreich. Ein weißes Band. Der Ort, wo Gewalt herkommt und wo sie hinführt, ist überall. Er ist zu jedem Zeitpunkt in den Figuren und um sie herum. Das Gezeigte wiederum kann die ganze Wahrheit nur verschweigen, kann sie nur als unzureichend Einzelnes eines größeren Ganzen offenbaren, kann sie nur erahn-, aber nicht faßbar machen. Auch in Das weiße Band.

Dort, wo die Bilder eine Erklärung verschaffen könnten, lauert die Kamera vergeblich hinter verschlossenen Türen. Dort, wo der vollständige Anblick eines Toten die Anteilnahme des Zuschauers durch Komplettierung seines Blickes erwirken könnte, bleibt die Kadrage auf einen unzureichenden Ausschnitt reduziert.

Mit Das weiße Band beweist Haneke wieder einmal, daß er sehr wohl darum weiß, welche Erlösung er seinen Zuschauern verschaffen könnte, wenn er sich den Möglichkeiten des Mediums ergeben, wenn er der Verführkraft der Bilder erliegen, wenn er ihnen eine Auflösung der rätselhaften Geschehnisse verschaffen würde, die sich innerhalb des Handlungsortes seines Films ereignen.

Genau das würde jedoch dem Prinzip widersprechen, mit dem sich die beiden Generationen, die Eltern und Kinder in seinem Film, gegenüberstehen. Wie zwei Ordnungen, die an der historischen Schnittstelle des 1. Weltkriegs zum Bild einer neuen Erlösung in der Negation alles Diesseitigen verdichtet werden: ein getöteter Vogel mit ausgestreckten Flügeln, in dem eine Schere steckt. Das Kreuz einer neuen Ordnung im Tode verkörpernd. Eine Dynamik des Entseelten im Namen des inneren Friedens. In Wirklichkeit nur das Synonym für das Gleichgewicht einer neuen Grausamkeit.

Es verlangt nach der geradlinigen und nicht ein einziges Mal nach oben oder unten ausschlagenden Konzentration eines Regisseurs wie Haneke, um erahn-, aber wiederum nicht faßbar zu machen, wie aus den Vergehen der Erwachsenen und dem Verdecken der Verbrechen ihrer Kinder, einmal jene Generation hervorgehen wird, die Auschwitz begehen oder dulden, die Auschwitz im Nachhinein leugnen oder verdrängen wird. Das weiße Band beginnt, wo die Gewalt des Vorherigen mit- und nachschwingt und hört auf, wo die Konzentrationslager zur unsichtbaren Ahnung unserer Vergangenheit werden. 2009-10-05 18:26

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.

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