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Schwerkraft

D 2009. R,B: Maximilian Erlenwein. K: Ngo The Chau. S: Gergana Voigt. M: Jakob Ilja. P: Frisbeefilms. D: Fabian Hinrichs, Jürgen Vogel, Nora von Waldstätten, Jule Böwe, Jeroen Williams, Thorsten Merten, Eleonore Weisberger, Fahri Ögün Yardim u.a.
100 Min. Farbfilm ab 25.3.10

Raus und runter

Von Eva Tüttelmann Raus. Das ist der einzig mögliche Weg, den Frederik Feinermann noch sieht. Nachdem er jahrelang versucht hat, ein »normales« Leben zu führen, mit Bankjob und Sport, implodiert plötzlich sein gesamtes Weltbild, und er sieht sich an einem Wendepunkt: Nachdem er einem Kunden den Kredit kündigt, beendet dieser das Beratungsgespräch mit spontanem Suizid. Feinermanns Reaktion hat auch etwas Suizidales, denn er beschließt, seinem bisherigen Leben ein Ende zu setzen, macht das, was man sehr wohlwollend als »mal so richtig auf die Kacke hauen« bezeichnen könnte. Mal abgesehen davon, daß er auf der Arbeit nur noch herumsitzt, die »Freezin’ Beach Tornados« hört und sich die vertraulichen Daten, in die er Einsicht hat, in jeglicher illegaler Form zunutze macht, mopst er bei einem privaten Abendessen seinem Chef den Zweitschlüssel und bricht bei ihm ein. Natürlich geht das schief, aber nicht klassisch dramatisch. Der Chef ist unerwarteterweise zuhause, hat aber so viel Rotwein gepichelt, daß er nicht mitbekommt, wie Frederik seinen kürzlich erst wiedergetroffenen Kumpel und Ex-Knacki Vince zu Hilfe holt. Aus der ursprünglich geplanten Aktion, dem Vorgesetzten eins auszuwischen, wird ein handfester Einbruchdiebstahl und aus Vince ein fragwürdiger Lehrmeister. Die beiden unterschiedlichen Männer starten eine Einbruchserie, durch deren Erlös sich Vince den Traum einer eigenen Bar und geregelten Lebens erfüllen will, Frederik hingegen alle Strukturen und Fesseln, die ihn halten, zu sprengen versucht.

Runter. Das ist die tatsächliche Richtung, die für Frederik die Folge all dieser Entwicklungen sein wird. Und dennoch ist der Weg, den er einschlägt, der, den er bis zum Ende nicht bereuen wird. Die Komplexität, die dieser Figur innewohnt, bedeutet kein leichtes Spiel für den viel gelobten Nachwuchsdarsteller Fabian Hinrichs. Es gelingt ihm jedoch bemerkenswert gut, die Kontroverse zwischen Held und Verlierer zu transportieren, ohne daß der Charakter des Frederik kippen und sich dem Zuschauer in seiner Absurdität verschließen würde. So sehr »der Herr Feinermann« manches Mal schockiert und derart die moralische Bodenhaftung verliert, daß man ihm beinahe nicht mehr folgen kann, so sehr bekennt er doch auch immer wieder die nötige Farbe, bietet Möglichkeiten der Identifikation und gar Bewunderung, beispielsweise wenn er sich so wunderbar erfrischend und lautstark über die Sponti-Sprüche und Anstups-Störche neben der Kaffeemaschine im Büro echauffiert oder seiner aufsässigen Kollegin lächelnd vorschlägt, ihr bei Gelegenheit mal »die Fresse zu polieren«. Einfach ist das nicht: Der Feinermann ist kein feiner Mann, sondern ein wirklich garstiger Kerl, der eindeutig zu oft über die Stränge schlägt, als daß man ihn noch sympathisch finden dürfte. Doch das Konglomerat aus Hinrichs’ gratwandlerischem, kantigem Spiel, Maximilian Erlenweins präziser Führung und nicht zuletzt Gergana Voigts strukturschaffender, doch unprätentiöser Montage macht diese eindrucksvolle Figur möglich und glaubhaft – und das fernab von jenen »Helden«, deren Coolness parallel zur Anzahl der über den Haufen geschossenen Leute steigt. Hinrichs zur Seite gestellt sind der ewig souveräne Jürgen Vogel (als Vince) sowie Nora von Waldstätten, die in der Rolle der blassen, unnahbaren und doch bezaubernden Ex-Freundin überzeugt.

Erlenweins starkes Debüt wurde 2009 mit dem First Steps Award ausgezeichnet; der dffb-Absolvent, der bei Schwerkraft als Autor und Regisseur fungiert, überzeugte die Juroren durch bemerkenswerte Präzision und Erzähldichte. Bereits in einer der ersten Szenen wird dies spürbar: Mithilfe einiger weniger pointierter Einstellungen, etabliert Erlenwein seinen Protagonisten als Gefangenen seinerselbst. Während wir Frederik auf der Tonspur schon keuchen hören, erzählen uns drei, vier ausgewählte Blicke in seine Wohnung von einem beängstigend peniblen Menschen, der sich seine Strukturen selbst auferlegt hat und sich in diesen zwar sicher, gleichzeitig aber auch vollkommen fremd fühlt – so künstlich wirkt sein Umfeld, daß schnell klar wird: Entfernt man nur ein Element aus diesem wackligen Konstrukt, droht ein trümmerreicher Zusammenbruch. Die Kamera zeigt uns den auf dem Hometrainer verbissen schwitzenden Frederik und läßt uns eintauchen in den Alltag dieser tickenden Zeitbombe. Erlenweins Detailverliebtheit und die filigrane Kamera von Ngo The Chau sorgen regelmäßig für wunderbar leichtfüßige Momente in einer bedrückenden Geschichte; auch die teils urkomischen Dialoge sowie die stark roadmoviegeprägte Musik von Jakob Ilja verleihen dieser düsteren Abwärtsspirale die Eigentümlichkeit, die den Film aus dem Gros der jungen deutschen Gangstererzählungen hervorhebt. 2010-01-12 13:18

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