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The Exploding Girl

USA 2009. R,B,S: Bradley Rust Gray. K: Eric Lin. S: So Yong Kim. M: Múm. P: Soandbrad, Parts and Labor, MBS Productions. D: Mark Rendall, Zoe Kazan, Hunter Canning, Maryann Urbano u.a.
79 Min. Peripher ab 6.5.10

Taube auf dem Dach

Von Eleonóra Szemerey Ivy ist Anfang zwanzig und Epileptikerin. Aber das ist gar nicht wichtig. Viel wichtiger ist, daß sie Semesterferien hat und immer die gleiche Frisur. In diesen Punkten paßt sie nämlich ganz wunderbar zu Al, der die vorlesungsfreie Zeit ebenfalls in ihrer beider Heimatstadt verbringt und sich nie von seinem Hemd trennen mag. Die beiden kennen sich schon ewig.

Und was ihnen in den 79 Minuten, die wir ihrem Treiben zusehen dürfen, widerfährt, ist auch nicht viel aufregender als ihr Outfit. Wir begleiten vornehmlich Ivy, wie sie steht, geht, schaut und spricht. The Exploding Girl ist ein Film über diese intensive Zeit voller Möglichkeiten, in der junge Erwachsene ihren Weg durchs Leben und die Liebe tagtäglich neu wählen müssen. Auch und vor allem dann, wenn eigentlich überhaupt nichts passiert.

In seinem lässig präzisen Realismus erinnert er an Martin Gypkens’ Genrationsportrait Wir. Unaufgeregt und fast schon zu amateurhaft fängt Kameramann Eric Lin die langen Minuten ein, in denen Ivy von A nach B läuft, ihr Handy auf- und zuklappt, an die Decke starrt. Und Regisseur Bradley Rust Gray erzählt ganz beiläufig alle Bewegungen aus: läßt Ivy krumm dastehen, abwesend dreinblicken und Al Sätze sagen, von denen das Füllwort »like« länger im Gedächtnis bleibt als der eigentliche Inhalt. Den Bildvordergrund nehmen nicht selten Büsche, Autos und Passanten ein; die Dialoge transportieren Alltägliches. Man sitzt gemeinsam in Parks, geht auf Partys – und Ivys Freund, der die Ferien andernorts verbringt, nie ans Handy. Auch das überrascht wenig. So scheinen die seltenen Momente, in denen Großaufnahmen Ivy und Al eng zusammenrücken, oder wenn die beiden vom unscharfen Grün des Parks umrahmt über Gott und die Welt plaudern, schon alles zu verraten. Und die Szene, in der ein Schwarm von Zuchttauben das Paar in großzügigen Bögen umkreist, geradezu überbordend poetisch.

Wie Wir ist auch The Exploding Girl einer dieser Filme, in denen man sich wunderbar verlieren und/oder wiederfinden kann – wenn man diesen Lebensabschnitt selbst so oder so ähnlich erlebt hat. Dann kann man in den langen Einstellungen in Ivys Gesicht lesen, was man selbst hineinschreibt, ohne befürchten zu müssen, daß diese Zeit, an die man so gern zurückdenkt, noch mehr verklärt wird als man es selbst schon zu tun neigt. Passierte damals nicht genauso gar nichts und doch alles? Und weil das ein jeder für sich selbst entscheiden muß, bleibt über The Exploding Girl an dieser Stelle auch gar nichts weiter zu sagen. 2010-04-15 00:13

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #58.
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