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Eine Karte der Klänge von Tokio

Map of the Sounds of Tokyo. E 2009. R,B: Isabel Coixet. K: Jean-Claude Larrieu. S: Irene Blecua. P: Mediapro, Versátil Cinema. D: Rinko Kikuchi, Sergi López, Min Tanaka, Manabu Oshio, Takeo Nakahara, Hideo Sakaki, Jun Matsuo, Joan Potau u.a.
109 Min. Alamode ab 5.8.10

Einsamkeit im Tokioter Hotel

Von Cornelis Hähnel »Das Ohr ist ein Organ der Angst«, schrieb der Philosoph Ludwig Feuerbach einst, denn anders als zum Beispiel das Auge sei es ein ungeschützteres Medium der Wahrnehmung. Auch Michael Haneke teilt diese Auffassung, vermerkt er doch in seinen »Notizen zum Film«: »Durch das Ohr führt ein direkterer Weg zur Phantasie und zum Herzen des Menschen. Die Bildrezeption scheint mir mehr gefiltert durch den Intellekt.« Das Gehör oktroyiert scheinbar dem Selbst unbedingten Gehorsam gegenüber den Klängen der Umwelt. Allerdings kann das im Umkehrschluß genauso für die Freude gelten, das beste Beispiel ist hier die Musik, die einen ungefiltert im emotionalen Zentrum treffen kann. Doch eine Melodie, die einem einst ein Quell der Freude war, kann schon kurze Zeit später die Stimmung trüben. Und so wechselhaft die Wirkung der Musik sein kann, ist auch das geheime Leben der Emotionen. Das, was einst Liebe war, kippt unerwartet, vielleicht durch äußere Faktoren, in Momente der unerträglichen Sehnsucht, der Einsamkeit und des Verlusts. Man wird auf sich zurückgeworfen. Und plötzlich macht einem die Evolution der Gefühle Angst. Man muß sich im neuen emotionalen Gespinst zurechtfinden, Wege finden, mit dem eigenen Gemütszustand umzugehen und die Stille zu ertragen, die die Lücke der Liebe hinterläßt.

Eine junge Frau scheidet freiwillig aus dem Leben. Die Liebe, die sie in sich trug, wurde nicht in dem Maße erwidert, wie sie es sich erhoffte. Ihr Vater leidet unter dem Verlust der Tochter und übt sich in Schuldzuweisungen gegenüber deren Geliebten, David. Für irdische Gerechtigkeit soll die Auftragskillerin Ryu sorgen. Doch statt ihr Ziel zu eliminieren, kann sie nicht widerstehen, es zu verführen. So entspinnt sich zwischen den beiden eine Amour fou, die – sowohl aufrichtig als auch uneindeutig – schon mit ihrem Beginn auf ihr Ende zusteuert.

Das Bild, das Isabel Coixet von Tokio zeichnet, ist geprägt von sonderbarer Fragilität. Die Metropole scheint mit einer stillen Grundtrauer überzogen, unter deren Mantel sich ihre Protagonisten aus ihrer Einsamkeit heraus begegnen. Dabei vermeidet sie aber den gern bedienten Gemeinplatz urbaner Anonymität, vielmehr erscheint die Isolation als Konsequenz emotionaler Unentschlossenheit. Fernab jeglicher Ataraxie sind die Charaktere Spielbälle von Begierden und Leiden, seien sie selbstgewählt oder Einbrüche von außen. Coixet versieht sie nicht mit großen Gesten, sondern kleidet sie in ein Gewand potemkinscher Gelassenheit. Und doch sind in jeglicher Regung die emotionale Zerrissenheit und die inneren Kämpfe spürbar. Eben dieselbe Brüchigkeit, die auch das Stadtbild prägt, welches zwischen Absurdität und Poesie changiert und in jedem Moment die Vergänglichkeit des Lebens offenbart und somit die Schönheit des Moments wertzuschätzen weiß. Überhaupt gelingt es dem Kameramann Jean-Claude Larrieu, eine bezaubernde und unaufdringliche Bildsprache zu entwickeln. Sein visuelles Konzept schafft es, die Hektik der Stadt zu entzerren, sie trotz aller Sonderbarkeiten nicht zu einem Kuriositätenkabinett verkommen zu lassen und besitzt den Mut, sich in Details zu verlieren. Die Bildebene dient damit zugleich der Charakterisierung der Protagonisten und schafft es, deren Einsamkeit adäquat zu verdeutlichen, ohne sie der Trostlosigkeit anheimzugeben.

Über das fiktionale Geschehen wacht ein Toningenieur, als unwissender aber zugleich auktorialer Erzähler, der sowohl Teil der Handlung ist als sie auch aus dem Off kommentiert. Er führt alle Enden der Narration zusammen, er weiß, trotz seiner Abwesenheit, Dinge, die David nie erfahren wird und hat doch so viele Fragen nicht gestellt. Altersweise und ohne Fatalismus akzeptiert er den Lauf der Dinge, die Vergänglichkeit und den Verlust. Mit stoischer Ruhe archiviert er die Geräusche seiner Umgebung, bannt Ryus Schmatzen und Schritte für die auditive Ewigkeit. Losgelöst vom Körper erlauben ihm die Aufnahmen, anders als Fotographien, einen tieferen Einblick in die Emotionen und Ängste seiner Mitmenschen. Und es ist diese Nebenfigur, die der dramatischen Entwicklung als tröstende Instanz entgegenwirkt und den unausgesprochenen Gefühlen somit eine Stimme gibt. 2010-07-12 12:28

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