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Eine flexible Frau

D 2009. R,B: Tatjana Turanskyj. K: Jenny Barth. S: Ricarda Zinke. M: Niels Lorenz. P: Turanskyj & Ahlrichs GbR. D: Mira Partecke, Katharina Bellena, Laura Tonke, Andina Weiler, Bastian Trost, Sven Seeger, Torsten Haase, Fabio Pink u.a.
97 Min. Filmgalerie 451 ab 6.1.11

2 oder 3 Dinge, die sie von ihr weiß

Von Eleonóra Szemerey »Um in der Pariser Gesellschaft von heute zu leben, ist man gezwungen, auf egal welchem Niveau, egal in welchem Grad, sich auf die eine oder andere Weise zu prostituieren.« So urteilte einst einer, der ausgezogen war, um mit filmischen Essays auf soziale Mißstände aufmerksam zu machen. Für ihn galt die Prostitution als das treibende Prinzip der spätkapitalistischen Gesellschaft. Und neben deren Bewohnern befragte er nicht zuletzt auch die Städte selbst nach den Gründen. Er stieß auf Versteinerung.

In dem Maße, in dem er damals die beengenden, gesichtslosen Plattenbauten als symptomatisch für seine Zeit empfand, tragen heute für Tatjana Turanskyj die schicken, doch nicht weniger seelenlosen Townhäuser des »neuen Berlin« Bedeutung. In ihrem ersten Spielfilm reflektiert sie über den globalen, flexiblen Kapitalismus, über konservative Emanzipation und soziale Paranoia, die sich nicht zuletzt in den bewachten Wohnparks manifestieren. Und auch sie stößt auf Vereinsamung, Orientierungslosigkeit und Ohnmacht. Im Gegensatz zu Godards resignierter Protagonistin in 2 oder 3 Dinge, die ich von ihr weiß will sich die Antiheldin Turanskyjs aber nicht verbiegen, um den gesellschaftlichen Ansprüchen und ökonomischen Zwängen der Zeit zu genügen. Sie will sich nicht prostituieren, auf keinem Niveau. Und so reibt sie sich auf, an den Ecken und Kanten ihrer versteinerten Umwelt, einer Gesellschaft, in der Prostitution nun viel schöner heißt: Flexibilität.

Wir sehen Greta im ersten und im letzten Bild von Eine flexible Frau – der Titel ist mehr als ironisch – barfuß über ein Stoppelfeld torkeln. Seitdem die vierzigjährige Architektin ihre Arbeit – und damit den für sie einzig gültigen Sinn des Daseins – verloren hat, trinkt sie. Und wird zunehmend sarkastisch. Vielleicht tat sie beides schon zuvor, als sich noch gut damit kokettieren ließ, in der hauptstädtischen Kreativszene. Nun aber versucht Greta, das Gesicht vor ihren hippen Freunden zu wahren, findet keine Unterstützung und distanziert sich. Sie kämpft, verliert und trinkt. Sie bewirbt sich, paßt nicht und pöbelt, sucht eine Verbindung zu ihrem Sohn, wird abgewiesen und trinkt. Manchmal weint sie auch. Doch viel beängstigender ist es, wenn sie lacht. Man erwartet einen Ausbruch, mit jeder Filmminute angespannter. Doch man wartet vergebens. Eine flexible Frau ist nicht nur wegen der distanzierenden Spielweise Mira Parteckes, die Greta ihren Körper leiht, schwere Kost. Denn ähnlich den Godardschen reflexiven Collagen legt Turanskyj mehr ein Theaterexperiment denn einen Spielfilm vor. Und Partecke spielt mehr eine Figur denn einen Menschen. Sie spricht ohne Emotion, betont als läse sie umständlich ab und kommentiert damit die Gesellschaft, die offenbar selbst nur noch in Floskeln kommuniziert. Ihre grobe Maske legt Partecke/Greta nur selten ab, um darunter eine feinere zum Vorschein kommen zu lassen. Dann brechen Performancefragmente in die erzählte Welt ein. Aber wer performt da eigentlich? Greta oder Partecke? Oder doch Turanskyj?

Und auch an anderen Stellen lösen sich Bilder von Tönen – und sie alle von Raum und Zeit der dramaturgischen Handlung. Dann tritt der soziologische Essay in den Vordergrund. Eine polnische Kosmetikerin, ehemals Studentin der Ökonomie, verkündet Marxsche Theorien, eine in die Jahre gekommene, nicht mehr gefragte Theaterschauspielerin rezitiert Hölderlin zum Herrengedeck. Da ist dann noch der feministische Blogger und Stadtführer, der aus dem virtuellen Raum in Gretas Berlin eintritt, um seinen Followern die am Boden Ausnüchternde als Paradebeispiel der mißglückten Emanzipation vorzuführen. In Eine flexible Frau geht es eben nicht nur, nicht vordergründig um die Fabel. Wie Godard zu Anfang seines Schaffens, bedient sich auch Turanskyj ihrer Figuren und derer Umgebung, um ihr Unbehagen am Status quo zu äußern. Sie läßt Nebenfiguren oder gänzlich Unbeteiligte das Wort ergreifen, ihre eigenen Fragen an den Zuschauer stellen. Und Fragen hat Turanskyj viele. Dringliche Fragen, die sie selbst nicht beantworten kann und die sie nun mit diesem hierzu-ande doch ungewöhnlichen, sehenswert unschönen Film aufwirft. 2010-10-14 09:30

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