— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Eine flexible Frau

D 2009. R,B: Tatjana Turanskyj. K: Jenny Barth. S: Ricarda Zinke. M: Niels Lorenz. P: Turanskyj & Ahlrichs GbR. D: Mira Partecke, Katharina Bellena, Laura Tonke, Andina Weiler, Bastian Trost, Sven Seeger, Torsten Haase, Fabio Pink u.a.
97 Min. Filmgalerie 451 ab 6.1.11

Außen vor

Von Nils Bothmann Einsamkeit ist der beherrschende Charakterzug in Gretas Leben, von niemandem fühlt sie sich verstanden. Als arbeitlose, verschuldete und geschiedene Architektin ist sie nicht nur in der Gemeinschaft der »Mein Haus, mein Auto, mein Boot«-Freunde im gleichen Alter außen vor; ihr 12jähriger Sohn Lukas hat nur Unverständnis und pubertäres Rebellentum für seine gebeutelte Mutter parat; im Callcenter, in dem sie zwischenzeitlich mehr schlecht als recht arbeitet, wird sie bald zum Opfer der »last hired, first fired«-Politik.

Diegetisch wie filmisch wird Greta isoliert, meist ist sie allein im Bildkader zu sehen; selbst wenn ihr Freundeskreis eine Party feiert, steht sie abseits auf dem Balkon. Gelegentlich teilt sie sich den Bildkader mit anderen Personen, die entweder offensiv in ihn hineindringen, wie die Callcenterchefin, die Greta anleiten will, oder von der Protagonistin eingeladen werden, das Bild und ihre Einsamkeit zu teilen, so z. B. die Lehrerin ihres Sohnes, mit der sich Greta am Elternsprechtag gemeinschaftlich betrinkt – die Andeutung einer lesbischen Liebesnacht liegt in der Luft. Doch dann ein harter Schnitt, Greta rennt heraus und die Lehrerin brüllt ihr nach, daß auch sie bloß eine Spießerin sei.

Dabei ist es nicht einmal Spießertum, sondern ein Lebensprogramm, jeden wegzustoßen, der ihr für mehr als einen Moment näher sein möchte. Nur zu Lukas sucht Greta Anschluß, doch der bewegt sich in jeder gemeinsamen Szene von ihr weg oder spricht nur durch einen Zaun zu ihr. Das komponierte Bild sagt mehr als der unnatürlich klingende Dialog, was zur Linie des Films paßt, der durch und durch artifiziell wirkt. Hauptdarstellerin Mira Partecke ist Theaterschauspielerin, ein Großteil des Ensembles besteht aus Laiendarstellern – sie alle wirken wie Fremdkörper im Medium Film; in einem Film, der sich ebenso künstlich wie künstlerisch gibt. Was bleibt ist ein sperriger Rausch, als wolle Regisseurin Tatjana Turanskyj den Sinneszustand ihrer zunehmend dem Alkoholismus verfallenden Protagonistin darstellen. Man kann sich auf besagten Rausch einlassen, Arthouse-Neulinge riskieren allerdings einen dicken Schädel. 2010-10-14 09:30

Weitere Autoren

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #60.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap