— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Schlafkrankheit

D/F 2011. R,B: Ulrich Köhler. K: Patrick Orth. S: Katharina Wartena, Eva Könnemann. P: Komplizen Film, Why Not Productions, IDTV Film. D: Pierre Bokma, Jean-Christophe Folly, Jenny Schily, Hippolyte Girardot, Sava Lolov, Maria Elise Miller, Thierry Hancisse, Francis Noukiatchom u.a.
91 Min. Farbfilm ab 23.6.11

Wetzlar ist auch schön

Von Jochen Werner Es ist nicht einmal so, daß Ebbo Velten nicht zu seiner Familie nach Deutschland zurückkehren möchte. Eher scheint die Entscheidung, um die Ulrich Köhler seinen dritten Film Schlafkrankheit aufbaut, im Grunde gar keine zu sein: Da gibt es, am Ende der ersten Hälfte, einen Moment, in dem der immer brüchigere Protagonist seiner Frau Vera am Telefon ein vielleicht letztes Mal von der Schönheit Afrikas vorschwärmt, bis er unterbrochen wird und notgedrungen bestätigt: »Klar, Wetzlar ist auch schön.« Bald folgt eine lange Schwarzblende, und Schlafkrankheit setzt noch einmal neu an. Nun erzählt er die Geschichte des dunkelhäutigen französischen Arztes Alex, der zur Evaluierung des von Ebbo geleiteten Forschungsprogramms nach Kamerun geschickt wird. Inzwischen aber ist einige Zeit vergangen, und aus dem souveränen Pragmatiker der ersten Filmhälfte ist ein gebrochener, dem Jenseitigen zustrebender Mann geworden.

Es geht nicht um Entwicklungshilfe in Schlafkrankheit und auch nicht wirklich um (Neo-)Kolonialismus, auch wenn sich Ulrich Köhler in seinen beiden spät verknüpften Erzählsträngen zwischen diesen Diskursen bewegt. Vielmehr erzählt Schlafkrankheit zunächst einmal eine ganz grundlegende Zerrissenheit, die sich in beide Protagonisten einprägt. Ebbo, der weiße Europäer, der Jahre in Afrika verbracht hat und dem eine Rückkehr nach Europa – Wetzlar! – immer unvorstellbarer wird, einerseits; und andererseits der durch und durch europäische Alex, der zwar wegen seiner dunklen Haut von den Kamerunern als Kongolese bezeichnet wird, aber hilflos durch die fremde Kultur und den Dschungel stolpert. Am Ende läuft dann Schlafkrankheit, eine »Herz der Finsternis«-Paraphrase, in einem seltsamen Mystizismus aus, der an jenes Kino des Dschungels anzuschließen sucht, das vor allem das jüngere Kino aus Thailand ausformuliert hat. Das ist dann im Grunde auch der einzige haltbare Vorwurf, den man diesem klugen, schönen, fesselnden Film über die Fremdheit und das Verlorengehen machen könnte: daß er letztlich nicht immer ganz eigenständig erscheint, sondern manchmal beinahe wie eine Einübung in Apichatpongismus. 2011-04-14 09:35

Weitere Autoren

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #62.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap