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Schlafkrankheit

D/F 2011. R,B: Ulrich Köhler. K: Patrick Orth. S: Katharina Wartena, Eva Könnemann. P: Komplizen Film, Why Not Productions, IDTV Film. D: Pierre Bokma, Jean-Christophe Folly, Jenny Schily, Hippolyte Girardot, Sava Lolov, Maria Elise Miller, Thierry Hancisse, Francis Noukiatchom u.a.
91 Min. Farbfilm ab 23.6.11

Entferntes Verstehen

Von Alexander Scholz Den Bruch mit der Konvention zum Gesetz zu erheben, ist paradox konservativ. Dergestalt verhält es sich mit der Narration in Schlafkrankheit ähnlich wie mit dem Protagonisten. Beide können nicht mehr hinter ihre Andersartigkeit zurück. Was bei Dr. Ebbo Velten jedoch dessen traurigen Rang eines gebrochenen Charakters ausmacht, versandet erzählerisch zur ästhetischen Schutzbehauptung. Unterbrochen von einer leidlich bemühten Ellipse werden in additiver Reihung familiäre, ethnische und politische Konflikte verschiedenen Ausmaßes in alltäglich anmutenden Situationen konnotiert, aber nicht diskutiert. Gerade weil Köhler in seinen Figuren beispielsweise die politische Ambivalenz des Helfens zwischen Fürsorge und Eigennutz so scharfsinnig anlegt, muß die Entscheidung zur Offenheit freilich kein Mangel sein. Der Zuschauer beobachtet einen emotional entgrenzten Mann, der zu Beginn des Films seine Prinzipientreue noch bei einer Grenzkontrolle demonstriert, um später die karitative Entwicklungshilfe nur noch zum Verhindern der eigenen Entwicklung zu leisten. Die triste Story jedoch, die sich um die geweckten Konnotationen herum entwickelt, schafft es kaum, diese in sich zu integrieren. Man mag nun darauf insistieren, die Hoffnung auf eine alle Elemente verbindende Kraft sei selbst weniger paradox als augenscheinlich konservativ. Es mangelt Schlafkrankheit gleichwohl weniger an der Formulierung einer zentralen Antwort, als vielmehr am Stellen prononcierter Fragen, die sodann einfache Antworten ausschließen könnten. Zugespitzt: Daß der Film keine Antwort gibt, wiegt weniger schwer, als daß er keine Frage stellt. Die Andersartigkeit der Erzähltechnik steht kaum in einer Beziehung zum erzählten Plot. Angesichts dieses Umstandes, daß stets angedeutet und kaum benannt wird, arbeitet Köhler mit überraschend konventionellen Metaphern. Ärzte, die kein Blut sehen können, Geschäftemacher, die die Prostitution fördern, und Fremde, die des Nachts verloren durch den Wald irren – all dies ist fast schon zu überholt, um noch Übertragung zu sein und wird der Paradoxie der Charaktere nicht gerecht. 2011-04-14 09:35

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #62.
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