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Le Havre

FIN/F/D 2011. R,B: Aki Kaurismäki. K: Timo Salminen. S: Timo Linnasalo. P: Sputnik Oy, Pyramide International, Pandora Film Produktion. D: André Wilms, Kati Outinen, Jean-Pierre Darroussin, Blondin Miguel, Elina Salo, Evelyne Didi, Kuoc-Dung Nguyen u.a.
93 Min. Pandora ab 8.9.11

Meisters Werk

Von Dietrich Brüggemann Aki Kaurismäki gehört zu den Leuten, die sich nichts mehr beweisen müssen. Aki Kaurismäki, das ist längst eine Marke wie Depeche Mode, Michel Houellebecq oder Salvador Dalí. Er hat seinen Stil etabliert und variiert ihn kaum. Wie lebt es sich wohl, wenn man Aki Kaurismäki ist? Steht man morgens auf und stellt fest: Stimmt, ich bin ja Aki Kaurismäki? Steht man am Set und denkt: Ich bin Aki Kaurismäki, also machen wir das so und nicht anders? Oder denkt man gar nichts, sondern trinkt einfach große Mengen Alkohol? Diese Fragen gehen einem so durch den Kopf, wenn man Le Havre sieht, das neue Werk des Meisters. Und die Frage: Ist es das Werk eines Meisters? Oder ist es ein Meisterwerk?

Am Anfang sitzt ein älterer Mann am Bahnhof und bietet seine Dienste als Schuhputzer an. Ein Kunde kommt zu ihm, mit einem Koffer, der per Handschelle am Handgelenk befestigt ist, dann tauchen allerhand sinistre Gestalten auf, der Kunde wird überwältigt und liquidiert. Die Szene wirkt wie eine Erinnerung an das Kino der 1950er Jahre, aber in Öl auf Leinwand gemalt, in jedem Bild ist Platz für genau eine menschliche Regung oder Aktion, alles andere bleibt ausgespart. Die Szene hat nichts mit dem Rest des Films zu tun, nur der Schuhputzer bleibt uns erhalten, er ist die Hauptfigur des Films, er trägt den vieldeutig konnotierten Namen Marcel Marx, und genau diese Punktlandung zwischen Marcel Marceau, Karl Marx und Marx Brothers beschreibt schon alles, was diesen Film ausmacht, nämlich Pantomime, Sozialismus und ein wenig Slapstick. Letzterer allerdings homöopathisch und in Zeitlupe. Marcel Marx also wird gespielt von einem Schauspieler namens André Wilms, und diesen André Wilms und seinen Marcel Marx muß man sofort ins Herz schließen, solch eine große Würde und Haltung und Aura strahlen sie beide aus.

Zunächst beschäftigt der Film sich ziemlich lang mit dem Leben der kleinen Leute in dem kleinen Viertel. Marcel war mal Musiker und Lebenskünstler, jetzt ist er Schuhputzer und Lebenskünstler, beim Gemüsehändler darf er anschreiben, seine Frau ist zerfurcht und unheilbar krank, alle bewahren Haltung in ihrer pittoresken Existenz, alles sieht aus wie von einem sehr schönen Flohmarkt, alles ist »vintage«. Le Havre ist als Titel eigentlich der blanke Hohn, denn dieser Film spielt nicht in Le Havre, sondern ganz und gar im Kopf von Aki Kaurismäki. Auch als in einem fehlgeleiteten Container am Hafen eine Gruppe von afrikanischen Flüchtlingen entdeckt wird, ein halbwüchsiger Junge davonläuft und Marcel sich seiner annimmt und ihn mit Witz und Tücke vor Polizei und Bürokratie schützt, als dann später eine Rockband von vor-vorgestern sich wieder zusammenfindet und ein dinosaurierartiges Konzert gibt – es könnte ein aufrüttelndes Sozialdrama sein, es könnte eine tränenreiche Kitschorgie sein, es könnte ein niedlicher Mädchenfilm wie Jeunets Amélie sein, es ist aber all das nicht, es ist ein Kaurismäki-Film. Und darin liegt zugleich die Erfüllung und die Beschränkung. Die umwerfende Lakonie, in der die Kamera sich für viele Dinge überhaupt nicht interessiert und auf anderen mit sturer Beharrlichkeit herumreitet. Die künstlich komponierten Bilder, öfters noch akzentuiert durch völlig abgehobenes Lichtdesign. Der antimodernistische Stilwillen, der kein Requisit zuläßt, das jünger wäre als dreißig Jahre, und als dann doch einmal ein Mobiltelefon auftaucht, ist man ein wenig verwundert. Die lapidare Spielweise, für die das Wort »Schauspieler« nicht wirklich paßt, »Darsteller« schon eher. Kaurismäki ist hier die ganze Zeit ganz bei sich. Und das ist am Ende auch das Problem, denn weil er so sehr bei sich ist, kommt er nirgendwo anders hin. Er versucht es ganz vorsichtig, einige wenige Elemente wirken für ihn eher untypisch, das sind vor allem eine gewisse grundlegende Freundlichkeit und ein sehr glückliches Ende, genau diese Elemente öffnen natürlich die Herzen und sorgen für große Sympathien beim Publikum, aber genau diese Elemente wirken wie Fremdkörper in seinem Universum. Und Kaurismäki überrascht sich damit selbst nicht wirklich. Ihm gelingt trotzdem ein sehr schöner, anrührender Film mit großartigen Momenten, sicher das Werk eines Meisters, aber mit einer Tendenz zum Alterswerk, nicht so sehr zum Meisterwerk. 2011-07-14 09:01

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