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Le Havre

FIN/F/D 2011. R,B: Aki Kaurismäki. K: Timo Salminen. S: Timo Linnasalo. P: Sputnik Oy, Pyramide International, Pandora Film Produktion. D: André Wilms, Kati Outinen, Jean-Pierre Darroussin, Blondin Miguel, Elina Salo, Evelyne Didi, Kuoc-Dung Nguyen u.a.
93 Min. Pandora ab 8.9.11

Akipunktur

Von Carsten Happe Die kleine Welt des Aki Kaurismäki hat einen neuen Schauplatz bekommen. Die französische Küstenstadt Le Havre, ein pittoreskes Ensemble aus Nachkriegsbeton und Containerhafen, gleichermaßen der Zeit entrückt, ein bißchen schäbig, aber doch von ruppigem Charme. So gesehen hat sich im Kaurismäki-Universum nicht viel geändert – auch die Protagonisten sind ebenso zerknautscht und wettergegerbt wie ihre Umgebung, allein: Sie quatschen viel mehr. Die typische Tristesse ist einem fast sentimentalen Redefluß gewichen, ein märchenhafter Überzug packt den Film überdies in Watte. Das ist eine ganze Weile sehr hübsch anzuschauen, insbesondere die farbintensiven Kulissen in ihren leuchtenden Komplementärfarben und der Retrocharme einer Welt ohne Mobiltelefone und anderem Schnickschnack, zumal die Stammkneipe des Marcel Marx dann noch hübsch ironisch »La Moderne« heißt. Auch das zitatreiche Spiel mit filmhistorischen Verweisen und Anspielungen auf das Kaurismäkische Œuvre weiß bis zu einem gewissen Zeitpunkt durchaus zu gefallen, bevor die Handlung des Films mit ihrer allzu gewollten Schlichtheit und ihrer überbordenden Naivität fast alle anderen Aspekte des Films lähmt.

Der Sozialkitsch nimmt schließlich überhand, wenn Marcels Frau Arletty vermeintlich lebensbedrohlich erkrankt und ebenso wundersam gerettet wird wie der kleine Flüchtlingsjunge mit dem treuherzigen Blick, dessen Schicksal den ausgefuchsten Polizisten derart erweicht, daß er seine Pflicht leichtfertig vergißt. Der nostalgische Ton des Films kulminiert in einem kauzigen Gastauftritt des Sängers Roberto Piazza alias Little Bob, der seinen Zenit weit überschritten hat und nur noch mit wohlwollend ironischem Blick nicht der Lächerlichkeit anheim fällt.

Auch Kaurismäki selbst scheint mit seinem ersten Film nach sechs Jahren Leinwandabstinenz ein wenig altersmüde geworden zu sein, der Witz wirkt bemüht, die Poesie aufgesetzt, die Handschrift allzu bekannt, ohne daß ihr positive neue Aspekte oder gar Impulse beigemengt worden wären. Idrissa, der Flüchtlingsjunge, kann entkommen, Kaurismäki hingegen bleibt gefangen. 2011-07-14 09:01

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