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Halt auf freier Strecke

D 2011. R,B: Andreas Dresen. B: Cooky Ziesche. K: Michael Hammon. S: Jorg Hauschild. P: Rommel Film. D: Steffi Kuhnert, Milan Peschel, Inka Friedrich, Ursula Werner, Otto Mellies, Bernhard Schutz, Mika Seidel, Marie Rosa Tietjen u.a.
110 Min. Pandora ab 17.11.11

Sterbebilder digital

Von Patrick Heidmann Als Andreas Dresens Halt auf freier Strecke im vergangenen Mai in Cannes seine Weltpremiere feierte, war zu Hause in Deutschland gerade Filmkritikerlegende Michael Althen seiner schweren Krebserkrankung erlegen. Nicht wenige Tränen, die seine Kollegen an der Croisette vergossen, durften ihm gegolten haben. Doch man muß keine persönlichen Erfahrungen mit dem Thema haben, um sich von Dresens Werk, das den gerade einmal 40 Jahre alten Frank (Milan Peschel, eindringlich wie nie zuvor) und seine Familie von der Diagnose bis zu seinem Tod begleitet, bis ins Mark rühren zu lassen.

Dresen gelingt mit Halt auf freier Strecke Außergewöhnliches. Er widmet sich dem einerseits tabuisierten, andererseits gerade im Kino immer wieder als Plot-Mechanismus banalisierten Thema »Sterben« mit kaum vorstellbarer Authentizität – und erzählt dabei einerseits eine höchst persönliche, individuelle Geschichte, die aber doch eine erstaunlich universelle Wirkung entfaltet.

Die Unmittelbarkeit, mit der das Schicksal des an einem Gehirntumor erkrankten Fabrikarbeiters im kürzlich gebauten Häuschen am Berliner Stadtrand auch den Zuschauer trifft, ist erschütternd. Schon immer war Dresen einer der feinfühligsten Regisseure des deutschen Kinos, doch mittlerweile hat er seine, schon bei Filmen wie Halbe Treppe oder Sommer vorm Balkon erprobte Improvisationstechnik zu einer Meisterschaft gebracht, die es fast mit seinem britischen Kollegen Mike Leigh aufnehmen kann. Sämtliche Szenen und Dialoge sind zusammen mit seinem Ensemble (in dem Steffi Kühnert als Ehefrau, aber auch die beiden Kinderdarsteller brillieren und auch Dresen-Wegbegleiter wie Inka Friedrich und Ursula Werner ihren Platz haben) entwickelt, reale Ärzte lassen in ungeprobten Auftritten die Wirklichkeit in die F iktion einsickern und die von Stamm-Editor Jörg Hauschild atmosphärisch montierten Bilder der beweglichen Digitalkamera wirken ungeschönt ohne zu nerven.

Entscheidend zum Gelingen trägt auch bei, daß Dresen ausgewogen die Balance hält zwischen der Perspektive von Franks ebenfalls berufstätiger Ehefrau Simone und seiner eigenen. Für letztere läßt er seinen Protagonisten immer wieder in die iPhone- Kamera sprechen, was als Stilmittel überzeugender ist als die Fantasien, in denen sein Tumor Menschengestalt annimmt. Der von Momenten des Humors durchzogenen Verzweiflung und emotionalen Intensität von Halt auf freier Strecke tun allerdings selbst die keinen Abbruch. 2011-10-13 08:25

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #64.
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