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Halt auf freier Strecke

D 2011. R,B: Andreas Dresen. B: Cooky Ziesche. K: Michael Hammon. S: Jorg Hauschild. P: Rommel Film. D: Steffi Kuhnert, Milan Peschel, Inka Friedrich, Ursula Werner, Otto Mellies, Bernhard Schutz, Mika Seidel, Marie Rosa Tietjen u.a.
110 Min. Pandora ab 17.11.11

Dead Man Talking

Von Nikolaj Nikitin Im Kino, hat bekanntermaßen Jean Cocteau einmal gesagt, könne man dem Tod bei der Arbeit zusehen. Andreas Dresen macht genau das in seiner neuesten filmischen Reflexion: Wir beobachten einen Familienvater, kongenial gespielt von Milan Peschel, der im Begriff ist, an einem Tumor zu sterben. Von den ersten Bildern des Films, die überragend intensiv wirken (sicherlich vor allem dank der semi-dokumentarischen Inszenierungsweise), wissen wir, daß dies mit Sicherheit passieren wird. Ohne großes Pathos, ohne Action – einfach so, wie es wohl im wahren Leben tagtäglich passiert. Milan Peschel ist kein Johnny Depp, kein James Mason und auch kein William Holden. Er ist einfach der »normale« Mensch, dein Nachbar bzw. dein Paketbote. In genau dieser dargestellten Normalität liegt die unglaubliche und fast schon unheimliche Kraft und Sogwirkung, die der Film dank der meisterlichen Regieleistung von Dresen und des starken Ensembles entwickelt. Dresen gelingt es auf eine schwer zu greifende Art, die Distanz zwischen uns als Zuschauer und dem Gesehenen, zwischen der Kinoleinwand und der eigenen Erfahrung zu durchbrechen. Peschel ist auch kein Jeff Daniels, der plötzlich von der Leinwand steigt und Teil »unseres Lebens« wird. Vielmehr werden wir nicht nur Augen-, sondern Lebenszeugen der letzten Tage und Stunden dieser Figur. Das ist so intensiv und überzeugend, daß es nicht nur berührt, sondern fast Schmerzen bereitet, diesen Film zu sehen. Und das nicht nur beim ersten Mal. Ein besonderer Kunstgriff ist dabei sicherlich die Idee, daß Peschel dank seines iPhones einen »Film im Film« dreht, aber auch hier wird das Mittel nie zum Selbstzweck. Trotz des schweren Themas und der intensiven Nähe können wir den Film genießen und gehen nicht schlechter Stimmung aus dem Kino, denn Dresen hat immer wieder den Comic-Relief parat (Harald Schmidt in filmischer Bestform) und denkt trotz aller Kunst an den Zuschauer und wie viel er ihm zumuten bzw. zutrauen kann. Mehr Lob an einen (deutschen) Film und die Arbeit eines Regisseurs lassen sich kaum formulieren. Dresen beweist mal wieder, daß er zu den spannendsten und innovativsten Erzählern des zeitgenössischen Kinos zählt, der immer wieder an die Grenzen der Filmkunst vorstößt. 2011-10-13 08:25

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #64.
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