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Dame, König, As, Spion

Tinker Tailor Soldier Spy. GB/F/D 2011. R: Tomas Alfredson. B: Bridget O’Connor, Peter Straughan. K: Hoyte van Hoytema. S: Dino Jonsäter. M: Alberto Iglesias. P: Working Title, StudioCanal. D: Gary Oldman, Benedict Cumberbatch, Colin Firth, Tom Hardy, John Hurt, Toby Jones, Mark Strong, Ciarán Hinds u.a.
127 Min. Studiocanal ab 2.2.12

Spitzelmäßig

Von Sven Lohmann Seit den Anfängen seiner Karriere als Thrillerautor ist bei John le Carré die Figur des stoischen MI6-Agenten George Smiley eine feste Größe, unter anderem auch in le Carrés vielleicht bekanntestem Buch, »Der Spion, der aus der Kälte kam«. Das fünfte Smiley-Buch »Dame, König, As, Spion« (mit dem hübschen Originaltitel »Tinker Tailor Soldier Spy«) wurde bereits 1979, fünf Jahre nach Erscheinen, als siebenteilige BBC-Serie verfilmt (damals mit Alec Guinness als Smiley). Für die Neuverfilmung von Dame, König, As, Spion zeichnet nun als Regisseur der Schwede Tomas Alfredson verantwortlich, der 2008 mit seinem spröden Horrorfilm So finster die Nacht international bekannt geworden war.

Bevor die Arbeiten an dem Projekt losgehen konnten, wäre es nach eineinhalb Jahren ohne einen geeigneten Darsteller für Smiley beinahe gekippt worden: Der extrem wandelbare Gary Oldman stellte sich gewissermaßen in letzter Minute als der richtige Mann heraus, und als genügend britisch für die Rolle; und er macht die Sache auch durchaus mit Fingerspitzengefühl. Im vorliegenden Fall wird der gealterte und erfahrene Smiley unmittelbar nach seiner Entlassung beim Geheimdienst gleich wieder herangezogen, weil dessen Chef »Control« (gut wie immer: John Hurt) einen sowjetischen Maulwurf in den höchsten Kreisen seines Stabes wittert – nur seine Identität ist noch offen, und die soll nun Smiley feststellen, natürlich geheim.

So wie die Handlung des Buchs 1973 spielt, so schießt sich auch Dame, König, As, Spion voll auf die Ästhetik der 70er Jahre ein – allerdings nicht etwa auf leuchtende Discofarben, sondern vielmehr auf den kühlen und barschen New-Hollywood-Realismus wie bei The French Connection oder Der Dialog. Das ästhetische Konzept der Kalter-Krieg-Geschichte setzt auf blasse Farben und körniges Bild, auf Bürokratie und Charakterdarsteller – und verzichtet einfach konsequent auf das Vorzeigen technischer Kinkerlitzchen. Seien wir ehrlich: Dame, König, As, Spion ist ein Film, der ebensogut an die vierzig Jahre alt sein könnte, der heute eigentlich nur als ästhetisches Experiment funktioniert – und gerade deswegen beweist, wie gut er eigentlich ist: Er schafft es, schon als Neuerscheinung zeitlos zu sein. Zu diesem Understatement paßt die handwerkliche Sorgfalt. Alfredson versetzt den Zuschauer mit enormer Beobachtungsgabe, Sinn für visuelle Details und mit eindringlichen Großaufnahmen sinnbildlich in das Auge eines geradezu voyeuristischen Betrachters – eines Spions eben – und interpretiert so das Thema des Films, nimmt einem damit aber keinswegs geistige Arbeit ab. Er inszeniert die reichhaltige Geschichte bei ihren 127 Minuten wunderbar dicht und unverschnörkelt geradeaus, ohne dabei je eintönig zu werden. Britisches Understatement und kleine Scherze am Rande sind dabei das Metier von Dame, König, As, Spion, künstlich aufgebauschte Spannung und rasende Action sind überhaupt nicht sein Ding – ganz im bewußten Gegensatz zu der krachenden, bunten, halbnackten und aufgetakelten Welt eines James Bond, als dessen stiller und intellektueller Gegenentwurf Smiley in den 1960er und 70er Jahren galt.

Bei alldem kann man ganz unbescheiden sagen: Simpel ist die Geschichte nicht. Ein nicht kleines Figurenensemble will überblickt sein, in die Handlung eingebettet sind kleine, in sich abgeschlossene, rückblickende Einzelstränge, die mitunter wieder eine Neubewertung der Hauptgeschichte erfordern – und dazu wird die Auffassungsgabe beim Zusehen pausenlos bombardiert mit dichtesten Informationen. Ohne überflüssiges Fett kommt hier eine äußerst komplexe Geschichte rundheraus zur Sache und sie ist auch dann interessant und spannend, wenn sie teilweise geradezu verwirrende Ausmaße annimmt und ohne weiteres auch für zwei Besuche gut ist. Wahnsinnig persönlich oder emotional mitreißend ist Dame, König, As, Spion nicht, nein. Aber: Filme wie dieser, die so konzentriert und geradlinig zur Sache kommen, und dann auch noch mit größter Schlichtheit, sind durchaus eine Seltenheit. 2012-01-12 08:20

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