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Die Vermissten

D 2012. R,B: Jan Speckenbach. B: Melanie Rohde. K: Jenny Lou Ziegel. S: Wiebke Grundler. M: Matthias Petsche. P: Junifilm, ZDF/Das kleine Fernsehspiel, dffb. D: André Hennicke, Luzie Ahrens, Sylvana Krappatsch, Jenny Schily, Sandra Borgmann, Christoph Bantzer, Irene Rindje, Nicole Mercedes Müller u.a.
86 Min. Filmgalerie 451 ab 10.5.12

Zugvögel

Von Werner Busch Kinder sind großartig! Als Eltern kann man ihnen fortlaufend beibringen, dieselben Dinge zu lieben wie man selbst. Und natürlich dieselben Dinge zu hassen. Man darf daran arbeiten, ein neues Bild von sich selbst zu schaffen, was zum Zeitpunkt des Kindermachens meist überfällig ist. Die Kinder leiden unter dieser Einflußnahme oft verschiedenartig, aber auch diese Nebeneffekte lassen sich durch elterliche Konditionierung mildern. Was aber, wenn das Kind in ein Stadium eintritt, in dem es auf irreparable Weise die tiefe, fundamentale Kluft zwischen sich und dem Erwachsenen begreift, die es immer schon gegeben hat, seit dem Tag seiner Geburt? Gemeinhin passiert das in der Pubertät, gerne auch Jahrzehnte später. Es lernt: Meine Eltern und ich sind von Grund auf verschieden. Und noch mehr. Sogar die letzten bindenden äußerlichen Merkmale werden zur Behauptung. Der elementare Keil zwischen ihnen ist die Zeit. Le temps détruit tout.

Es gibt einen Roman von Birgit Vanderbeke mit dem Titel »Sweet Sixteen«, in dem bundesweit Jugendliche nach ihrem 16. Geburtstag spurlos verschwinden; nach einem immergleichen Muster, augenscheinlich gesteuert, verabredet, ohne Ziel und annehmbaren Grund. Es gibt eine britische Science-Fiction-Miniserie aus dem Jahr 1979, The Quatermass Conclusion, in der Heranwachsende aus der Gesellschaft ausbrechen, in Gruppen übers Land ziehen und sich an alten Kultplätzen auf der Insel aus unbestimmten Gründen versammeln. Ähnliches auch in Bret Easton Ellis’ »Lunar Park«. Kinder verbünden sich gegen die Erwachsenen auf geheimen Wegen. Mal über das Internet, mal telepathisch, im Effekt gleich: Sie verschwinden plötzlich. In ungeordneten Gruppen sammeln sie sich und scheinen einem geheimen Plan zu folgen. Es ist unbestimmt, ob sie ihn selbst überhaupt kennen oder ob sie nicht wie Vogelschwärme einem inneren Impuls folgen.

Kurze Inserts auf solche Schwärme am Himmel sehen wir auch in Jan Speckenbachs überaus interessantem Debütfilm Die Vermissten. In der Welt darunter erfährt der Strahlentechniker Lothar von seiner Ex-Frau, daß ihre gemeinsame Tochter verschwunden ist. Acht Jahre hat Lothar die inzwischen 13jährige nicht mehr gesehen. Ihr zweites Verschwinden macht ihn erneut zum Vater, und er begibt sich auf eine ungewöhnliche Suche, während immer mehr Kinder spurlos verschwinden… Was als Familiendrama mit dezenten Mystery- Anklängen beginnt, entwickelt sich wendungsreich in unvorhersehbare, surrealistische Richtungen.

Es gibt eine tiefe, gut begründete Kluft der Skepsis zwischen Erwachsenen, die in ihrer eigenen, passiv oder aktiv geschaffenen Welt leben und den Heranwachsenden, die Fremde in einem fremden Land sind, unschuldig ebenso schuldig. Diese Kluft überhöhen die Drehbuchautoren Speckenbach und Melanie Rohde zu einer paranoiden Fantasie. Sie gewinnt durch ihre bodenständige Inszenierung an Gewicht: Schön gestaltete, aber unaufdringliche Bild- Kadrierungen und eine ruhige, unsichtbare Montage. Lothars physische Wanderung durch die westdeutsche Provinz auf den Spuren der verschwundenen Kinder entwickelt sich zu einer inneren Wanderung.

Der Ort des Finales, ein kleiner Straßenzug in einem mittelgroßen Dorf, wirkt erschreckend unspektakulär. Löcher in der Bitumenpappe eines heruntergekommenen Hauses aus den 1950ern, einzementiert von engen Bürgersteigen, Aluminiumprofiltüren mit Sichtschutzglas – sie sind vermutlich demselben unfreundlich-pragmatischen Geist entsprungen wie das Atomkraftwerk, in dem Lothar seiner Arbeit nachgeht. Diese vermeintlich belanglosen, weil alltäglich wirkenden Bilder stehen in einem Spannungsfeld zu der großen Apokalypse, die sich hinter ihnen verbirgt. Dieses Spannungsfeld macht die Apokalypse erst nachvollziehbar.

Gutgemachtes Genrekino aus Deutschland ist in den letzten Dekaden eine absolute Seltenheit, schützenswerter als jeder Wal vor Japans Küste. Erst recht, wenn es so wunderbar transzendierend daherkommt wie in Die Vermissten. Dieser kleine Film, der sein großes, aber unverbrauchtes Thema elegant in eine traumwandelnde Erzählung packt, ist die deutliche Visitenkarte eines talentierten Regisseurs. 2012-04-12 08:40

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