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Die Vermissten

D 2012. R,B: Jan Speckenbach. B: Melanie Rohde. K: Jenny Lou Ziegel. S: Wiebke Grundler. M: Matthias Petsche. P: Junifilm, ZDF/Das kleine Fernsehspiel, dffb. D: André Hennicke, Luzie Ahrens, Sylvana Krappatsch, Jenny Schily, Sandra Borgmann, Christoph Bantzer, Irene Rindje, Nicole Mercedes Müller u.a.
86 Min. Filmgalerie 451 ab 10.5.12

Ist das Kunst oder kann das weg?

Von Nils Bothmann Sie nennen sich »Ratten der Lüfte«, die Mitglieder einer Gruppe in einem Social Network, zu denen auch die vermißte Tochter des Protagonisten Lothar gehört. Die Vermissten handelt von Lothars Suche nach ihr, doch er ist kein Rattenfänger von Hameln, sondern eher dessen Gegenstück: Die Kinder, denen er begegnet, laufen vor ihm weg oder versuchen es zumindest. Gerade in den Zeiten einer hierzulande sinkenden Geburtenrate erscheint Die Vermissten als Endzeitfilm der etwas anderen Art, denn der schleichend voranschreitende, über Social Networking organisierte Auszug der Kinder und Jugendlichen geht noch stiller voran als bereits eher ruhige Genrevertreter wie Children of Men oder Carriers ihre Dystopien anlegten.

Ein begrüßenswerter Schritt im deutschen Kino, zumindest in seiner Intention, weniger in seiner Umsetzung. Die Figurenzeichnung bleibt in Ansätzen stecken, mehrfach betont der Film Lothars Beruf als Sicherheitsprüfer für Atomkraftwerke, doch in irgendeiner Weise wichtig für seine Figur ist dies nicht. Ebenso redundant die Stationen seiner Reise und die Personen, die er trifft: Er flirtet mit einer Frau, die ebenfalls nach ihrem Kind sucht. Polizisten weisen ihn darauf hin, daß Kinder in ihrer Stadt nicht mehr ohne Begleitung raus dürfen. Eine Gruppe alter Männer taucht als selbsternannte Miliz auf und schlägt ein Mädchen tot. All das mag zwar Endzeitstimmung vermitteln, ist aber bar jedweder Kausalität oder Relevanz für den Plot. Das ist wohl Kunst, oder soll es zumindest sein.

Doch ebenso wie das Buch vermag auch das Bild kaum zu fesseln. Keine Handkamera, keine auf körnig getrimmten Bilder, kurz: keine Berliner Schule. Trotzdem noch Indie: meist statische Einstellungen, niedrige Schnittfrequenz, Verzicht auf Kameramätzchen. Reduziert, aber damit irgendwie auch bieder. Schließlich kommt die Geschichte in einem kleinen Ort zum Ende, einer Art Stadt der verlorenen Kinder. Einem von der Erwachsenenwelt entfernten Fleckchen, ähnlich wie die Stadt aus Jeunets gleichnamigem Film, visuell aber ganz anders präsentiert. Jeunet lädt seine Zuschauer zum Träumen ein, Speckenbach die seinen zum Schlafen. 2012-04-12 08:40

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #66.
© 2012, Schnitt Online

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