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Was bleibt

D 2012. R: Hans-Christian Schmid. B: Bernd Lange. K: Bogumil Godfrejow. S: Hansjörg Weißbrich. M: The Notwist. P: 23/5 Filmproduktion. D: Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Sebastian Zimmler, Ernst Stötzner, Picco von Groote, Egon Merten, Birge Schade, Eva Meckbach u.a.
88 Min. Pandora ab 6.9.12

Die bleierne Zeit

Von Bettina Schuler Und sofort ist sie wieder da: diese bleierne Schwere, die man als Jugendlicher in den 1980er Jahren verspürte, als man noch glaubte, Helmut Kohl würde auf Lebzeiten Bundeskanzler bleiben und Frank Elstner für immer »Wetten, daß….« moderieren. Ein Gefühl von Stillstand, das einen sofort wieder beschleicht, wenn man mit dem Zug in Siegburg, dem ehemaligen westdeutschen Pendlerparadies einfährt, und das auch Marko (Lars Eidinger) überkommt, als sein Vater ihn und seinen kleinen Sohn dort am Gleis abholt.

Zunächst scheint alles wie gehabt. Ja, der depressiven Hausfrau und Mutter Gitte (Corinna Harfouch) geht es dank Akupunktur sogar einigermaßen gut. Doch als diese verkündet, sie wolle es nach dreißig Jahren jetzt ohne Medikamente versuchen, nimmt die Katastrophe ihren Lauf.

Ganz leise und unaufgeregt erzählt Hans-Christian Schmid den Zerfall dieser prototypischen gutbürgerlichen Familien, die aus Angst vor Veränderung zum größten Teil noch an der klassischen Rollenverteilung festgehalten haben. Selbst wenn sie dadurch wie Gitte krank wurden. Wie seelenlos diese Familien dadurch geworden sind, das spiegelt sich in jedem Bild wider: in dem stilsicher eingerichteten Wohnzimmer des Vorstadtbungalows, das dank des Fehlens jeglichen persönlichen Flairs den Charme einer Ikea-Landschaft versprüht. In der schwarzweiß gehaltenen Kleidung der Familienangehörigen, mit der sie wirken, als wären sie auf einer Beerdigung und nicht auf einem Familientreffen. Allein Markos kleiner Sohn mit seiner Löwenmaske, die er wie einen Schutzwall im Gesicht trägt, sticht aus diesem schwarzweißen Einerlei hervor.

Doch geht es in diesem Film nur vordergründig um diese Familie und das spurlose Verschwinden von Gitte. Die eigentliche Hauptdarstellerin ist die alte Bundesrepublik, für die keine Gegend mehr steht als das Rheinland mit seiner ehemaligen Hauptstadt Bonn. Der bundesdeutsche Wunsch nach kontinuierlichem Wachstum krankte bereits in den 80ern, doch erst jetzt, in Zeiten der Euro-Krise, wiedervereint und um einiges älter, begreift man langsam, das eine radikale Veränderung und ein Umdenken unausweichlich sind. Aktueller hätte Schmid kaum sein können. 2012-07-12 09:35

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Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #67.
© 2012, Schnitt Online

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