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Was bleibt

D 2012. R: Hans-Christian Schmid. B: Bernd Lange. K: Bogumil Godfrejow. S: Hansjörg Weißbrich. M: The Notwist. P: 23/5 Filmproduktion. D: Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Sebastian Zimmler, Ernst Stötzner, Picco von Groote, Egon Merten, Birge Schade, Eva Meckbach u.a.
88 Min. Pandora ab 6.9.12

Bröckelnde Fassade

Von Carsten Happe Was bleibt von der westdeutschen Provinz, von der alten Bonner Republik, im gegenwärtigen deutschen Film, der sich auf Berlin fokussiert oder andere Großstädte oder auch hin und wieder gen Ostsee tendiert? Hans-Christian Schmid ging zuletzt bis nach Den Haag und spürte den nur langsam sich schließenden Wunden des Balkans nach, er wagte sich mit Lichter an eine ambivalente deutsch-polnische Grenzsituation, aber sein Gesamtwerk ist durchzogen von bundesrepublikanischer Bürgerlichkeit, die seziert und immer wieder auf die Probe gestellt wird.

Der durchaus imposante Bungalow, der dem Kammerspiel Was bleibt den Hauptschauplatz bietet, atmet diese westdeutsche Bürgerlichkeit vergangener Jahrzehnte durch jede Pore, ist mehr als nur Kulisse für eine sorgsam konstruierte Familientragödie. In ihm spiegelt sich das ganze Drama, in seiner offenen Struktur, die sich doch nie gänzlich erfassen läßt, in den weiten Fensterfronten, die dem Schauspiel ihren Rahmen geben. Der Bungalow bietet die perfekte Bühne für ihre bildungsbürgerlichen Bewohner; es wird gelesen, geschrieben und gesungen – Charles Aznavours »Du läßt dich geh’n« als singulär denkwürdigster Moment – und vor allem werden viele Rollen ausprobiert, verworfen und wiederaufgeführt. Letztlich sind alle schon längst dieser Trutzburg entflohen – in Affären, Depressionen, nach Berlin – doch nur hier hält sich die Illusion von Familie aufrecht, als Refugium gegen die Außenwelt, in der jeder auf sich allein gestellt ist und Gefahr droht, verschlungen zu werden.

Die Meisterschaft von Schmid und seinem langjährigen Drehbuchpartner Bernd Lange zeigt sich in einer einmal mehr äußerst souveränen Inszenierung und messerscharfen Dialoggefechten, die die Verkorkstheit der Familie gnadenlos offenbaren und einer gefälligen Lösung einen herrlich unbequemen dritten Akt entgegensetzen. Der Exorzismus findet diesmal zwar auf anderer Ebene statt, doch die Verlogenheit der heilen bürgerlichen Fassade wird auch in Was bleibt mit Vehemenz und großer Eindringlichkeit ausgetrieben. 2012-07-12 09:35

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #67.
© 2012, Schnitt Online

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