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Keyhole

CDN 2011. R,B: Guy Maddin. B: George Toles. K: Benjamin Kasulke. S: John Gurdebeke. M: Jason Staczek. P: Buffalo Gal Pictures. D: Jason Patric, Isabella Rossellini, Udo Kier, Brooke Palsson, David Wontner, Louis Negin, Kevin McDonald, Daniel Enright u.a.
94 Min.

Irrfahrt im narrativen Loop

Von Sabine Weier »Remember Ulysses, remember!“« flüstert der Erzähler in Guy Maddins neuem Schwarzweißfilm immer wieder. Die Stimme gehört einem nackten alten Mann, der zusammen mit anderen Seelen kettenrasselnd durch ein Geisterhaus spukt. Doch Erinnerungen sind nicht so ohne weiteres greifbar, lehrt Keyhole, im Gegenteil: Sie rutschen Ulysses wie glitschige, zappelnde Fische immer wieder durch die Hände.

Ulysses (Jason Patric) kehrt mit seiner verruchten, im Stil der 1920er und 30er Jahre kostümierten Gangsterbande in einer stürmischen Nacht in sein Haus zurück, offenbar nach einer längeren Reise. Das Haus ist voller Film Noir-Schatten, Schatten der Erinnerung, hyperästhetisiert in einer Inszenierung, die alle Mittel des Films voll ausschöpft – bedrohlich brodelt Musik à la David Lynch zu schwindelerregenden Schnittfolgen, die Mise-en-Scène zitiert Alfred Hitchcock und den frühen Luis Buñuel.

Das Schlüsselloch erlaubt Ulysses den Blick in die Vergangenheit und macht ihn gleichzeitig unmöglich. Denn seine Frau (Isabella Rossellini) weist ihn trotz seiner eines Odysseus würdigen listigen Annäherungsversuche immer wieder ab, und so macht er sich in den oberen Geschossen dieses Seelenhauses mit verwinkelten Räumen und geheimen Gängen weiter auf die Suche nach ihr, während seine Gangsterbande unten einen Komplott schmiedet.

Schon in seinem viel beachteten Film My Winnipeg (2007) hatte Maddin in rasant montierten Schwarzweißbildern die Trance zwischen Traum und Wachzustand erforscht, den Film in neosurrealistischer Manier als Psychoanalyse gefeiert, Retro-Footage mit in den Plot geflechtet und so eine Ästhetik irgendwo zwischen Dokumentarfilm, Spielfilm und Videokunst geschaffen.

Keyhole changiert insofern zwischen einem klassischen Spielfilm und Videokunst, als daß er zwar einen Plot, Genreelemente aus Gangster- und Geisterfilm und klassische Charaktere wie den vor nichts zurückschreckenden Widersacher und die nymphenhafte Geliebte aufweist, gleichzeitig aber eine freie narrative Struktur, die sich wie ein Loop um Ulysses’ Blick durch das Schlüsselloch dreht. Einige Motive sind zur wilden Interpretation freigegeben. Warum ist der alte nackte Mann an das Bett seiner Tochter, Ulysses’ Ehefrau, gekettet? Sollen wir hier an einen Elektrakomplex denken?

Auch in My Winnipeg hatte Maddin sämtliche psychoanalytische Deutungsmöglichkeiten derart überbetont, als wolle er den Leseversuch ordentlich auf die Schippe nehmen. »Why don’t I film my way out of here?« fragt sich der Protagonist, er will raus aus Winnipeg, Maddins kanadischer Heimatstadt, und damit meint er vor allem raus aus den Erinnerungen, in denen seine dominante Übermutter regiert. Als in Keyhole der Vater endlich vom Bett seiner Tochter losgekettet durch das Haus wandelt, sich vor einem aus einer überwachsenen Wand ragenden erigierten Plastikpenis hinkniet und ihn in den Mund nimmt, gibt das doch so manchem Zuschauer Rätsel auf.

Zu suchen sind Antworten auf viele aufgeworfene Fragen sicher in Homers Odyssee, die als lose Vorlage diente. Ist der alte Mann Kerberus, der Höllenhund? Bewacht er die – filmische – Schattenwelt? Ebenso könnte sich aber auch die Suche in James Joyce berühmten gleichnamigen Stream-of-Consiousness-Roman lohnen, dessen bildhafte assoziative Plotstruktur Maddin jedenfalls zitiert.

Ulysses kommt am Ende nicht ganz in seinen Erinnerungen an, das Original sieht nach dem Sieg über Troja schließlich auch eine 20jährige Irrfahrt des Helden zu seiner Frau vor, auf der er sich mit seiner Mannschaft von einem Abenteuer zum nächsten schifft. Das macht auch Maddin mit seinen Filmen. Er geht an und über die Grenzen dessen, was Film kann. Und es ist schön zu sehen, daß Kino trotz des verbreiteten zeitgenössischen Einheitsbreis keine ästhetische Sackgasse sein muß. 2012-03-30 14:42

Info

gesehen auf der Berlinale 2012
© 2012, Schnitt Online

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