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12 Uhr mittags

High Noon. USA 1952. R: Fred Zinnemann. B: Carl Foreman. K: Floyd Crosby. S: Elmo Williams, Harry Donald Gerstad. M: Dimitri Tiomkin. P: Stanley Kramer Co. D: Gary Cooper, Grace Kelly, Lloyd Bridges, Lee Van Cleef, Lon Chaney Jr., Thomas Mitchell, Katy Jurado, Otto Kruger u.a.
80 Min. Arthaus ab 18.1.08

Sp: Deutsch (DD 1.0), Englisch (DD 1.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1 Vollbild. Ex: Dokumentationen über Gary Cooper, Dokumentation "Fred Zinnemann - Ein Hollywoodregisseur", Fotogalerien, Filmmusik, Trailer.

Western Noir

Von Jens Dehn John Wayne hat High Noon gehaßt. Howard Hawks auch. Die richtig harten Kerle können wahrscheinlich gar nicht anders, als High Noon zu hassen. Es geht nicht so sehr darum, daß es eine Frau ist, die dem Marshal als einzige zur Seite steht. Auch über den Schuß in den Rücken, mit dem sie einen der Bösen niederstreckt, kann man hinwegsehen. Das Empörende und aus Sicht John Waynes Verabscheuungswürdige, ist der Held selbst. Regisseur Fred Zinnemann wollte keinen aufrechten Gesetzeshüter, der in der Gewißheit, das einzig Richtige zu tun, auch alleine einer ganzen Bande von Verbrechern entgegentritt. Zinnemann war auf der Suche nach einem Helden, der kein strahlender, unverletzbarer Übermensch ist, sondern ein ganz normaler Mann. Einer, der etwas tut, nicht weil er es verdammt noch mal einfach tun muß, ohne dabei über Recht und Unrecht nachdenken zu müssen, sondern weil es sein moralisches Gewissen von ihm verlangt. Er wollte einen Helden, dessen Selbstzweifel von Minute zu Minute stärker werden, in dem gleichen Maß, wie er erkennen muß, daß die Bürger seiner Stadt im Angesicht der drohenden Gefahr zu Feiglingen und Verrätern werden. Und mit jedem gescheiterten Versuch, Hilfe zu bekommen, wird deutlicher, daß es dieser Ort gar nicht wert ist, gerettet zu werden.

Kurz zuvor hatte der Ort ihn noch gefeiert: An seinem letzten Arbeitstag heiratet Kane seine Verlobte Amy, und die ganze Stadt gratuliert ihm. Bis die Nachricht eintrifft, daß Frank Miller, den der Marshal einst hinter Schloß und Riegel brachte, begnadigt wurde und sich auf dem Weg nach Hadleyville befindet, um Rache zu nehmen. Drei Revolverhelden aus seiner Bande sind bereits eingetroffen, um ihn mit dem 12 Uhr-Zug in Empfang zu nehmen. »Die Leute im Norden interessieren sich für diese Stadt, wollen Geld hineinstecken für Geschäfte und Fabriken. […] Wenn sie von Mord und Totschlag lesen, was werden sie denken? Sie werden denken, daß auch diese Stadt fürs Verbrechen offen ist. Und alles, wofür wir arbeiten, wird mit einem Schlag ausgelöscht, und die Stadt wird um fünf Jahre zurückgeworfen.« So argumentiert der Bürgermeister bei seinem Versuch, Kane zur Flucht zu überreden. Und so legitimieren die Bürger ihre Weigerung, dem Marshal zu helfen. Geschlagene 50 Minuten läuft Gary Cooper als Kane durch Hadleyville und sucht Unterstützung im Kampf gegen die nahenden Gangster, findet aber nur Feigheit hinter verschlossenen Türen. Die Stadt entscheidet sich gegen ihren Marshal, da sie sich seiner Verletzlichkeit bewußt ist. Moralität wird untergraben von Angst und Rückgratlosigkeit.

Zinnemann und sein Drehbuchautor Carl Foreman waren sich darin einig, daß High Noon nur in der äußeren Form einen Western darstellen sollte, um unter der Oberfläche die universelle Geschichte einer Stadt zu erzählen, die aus Angst korrupt geworden ist. Der Gegenstand einer korrumpierten Gesellschaft, der der Held gleichermaßen fassungs- wie hilflos gegenübersteht, war dabei keineswegs neu, doch hatten die Bösen bis dato am Ende nie viel zu lachen, wenn einer wie John Wayne den Marshalsstern trug. Daß Kane nicht einmal in der Kirche Unterstützung findet und sich schließlich an den Schreibtisch setzt, um sein Testament zu machen, war dagegen neu und bildete die Bereicherung eines Genres, das sich Anfang der 1950er Jahre weitestgehend totgelaufen hatte.

Arthaus hat High Noon jetzt als Premium Edition auf zwei DVDs neu herausgebracht. Viel Neues wird gegenüber der Erstauflage jedoch nicht geboten: Das Bonusmaterial ist im wesentlichen das gleiche, das sich auch auf der Single-Disc aus dem Jahr 1999 befindet, inklusive einer rund 30minütigen (gekürzten) Dokumentation über Fred Zinnemann aus den 1980er Jahren. Einzig erwähnenswertes neues Feature ist eine 50minütige Dokumentation über Gary Cooper, die allerdings nicht speziell für diese DVD-Edition hergestellt wurde, sondern ebenfalls mehr als zehn Jahre alt ist. Für eine Premium Edition erscheint diese Zusammenstellung daher etwas dürftig.

Gary Cooper, der 1961 an Krebs verstarb, war zur Zeit der Dreharbeiten schon kein gesunder Mann mehr. Er litt an einem Magengeschwür, seine Arthritis plagte ihn, er hatte eine Affäre mit einer Jüngeren und dementsprechend Ärger mit seiner Frau. Der gequälte Ausdruck in Coopers alterndem Gesicht und sein schleppender Gang, mit dem er durch die leere Stadt läuft, sind also nicht nur Produkte seines Schauspiels – Coopers Marshal Kane wirkt glaubwürdig als müder Held, weil der Mensch Cooper nicht minder müde war. Im Verlauf des Films rückt er immer stärker in die Nähe des gebrochenen, desillusionierten Helden des Film noir, von dem High Noon tatsächlich mehr hat als von einem klassischen Western. Marshal Kane ist nicht mehr in der Lage, über sein Leben selbst zu bestimmen. Auch, wenn alle wollen, daß er die Stadt verläßt, so weiß er doch, daß Davonlaufen keinen Sinn macht, weil der Gangster Miller ihn suchen und finden wird, wo immer er sich versteckt. Die Schicksalhaftigkeit der Ereignisse bestimmt fortan sein Handeln. Das Wissen um das Unausweichliche zwingt ihn zum Bleiben.

In einer frühen Drehbuchfassung hält sich Kane eine Pistole an den Kopf und denkt darüber nach, die Sache selbst zu beenden. Es wäre die einzig verbliebene Möglichkeit, sein Schicksal selbst zu lenken. So weit konnte oder wollte Zinnemann dann aber doch nicht gehen. Er läßt Kane alleine zum finalen Duell gegen Miller antreten und, mit Hilfe seiner Frau, gewinnen. Und dennoch ist es ein zutiefst bitterer Schluß. Wenn sich Kane und Amy endlich in den Armen halten, der tote Miller zu ihren Füßen, bleibt für die Einwohner Hadleyvilles nur noch Abscheu übrig. Kane bewahrt sich seine Selbstachtung, doch ist er ein Held ohne Heimat, der zu Beginn des Films noch inmitten der Gesellschaft stand und nun von ihr ausgeschlossen ist. Die heroische Grundhaltung, von jeher Bestandteil und Voraussetzung des Western, wird in ihr Gegenteil verkehrt.

Seine Abneigung gegen High Noon in Worte fassend, nannte John Wayne ihn einmal »the most un-American thing I’ve ever seen in my whole life«. Man darf es als Kompliment betrachten. 2008-03-28 14:57

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