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24 Hour Party People

GB 2002. R: Michael Winterbottom. B: Frank Cottrell Boyce. K: Robby Müller. S: Trevor Waite. P: The Film Consortium, Wave Pictures u.a. D: Steve Coogan, Lennie James, Shirley Henderson, Martin Hancock, Andy Serkis u.a.
112 Min. Arthaus ab 20.6.08

Sp: Englisch (DD 5.1), Ut: Deutsch, Bf: 1.78:1 anamorph, Ex: Audiokommentare, Featurettes, Porträt über Michael Winterbottom, Interviews, Deleted Scenes, Booklet u.a.

Meide die Popkultur

Von Martin Thomson Die reizvolle Quintessenz einer gelungenen Party liegt meist auf der dünnen Schnittstelle zwischen totaler Selbstaufgabe und absoluter Selbstbehauptung. Ein exzessives Partyleben ist daher auf Dauer so erfüllend, wie es gleichermaßen auslaugend ist. Im aufgeheizten Klima wabernder, sich freizügig zur Schau stellender Körper und Persönlichkeiten, wird nicht selten mehr ab- und preisgegeben als die Garderobe: Im unüberschaubaren und austauschbaren Gesichtermeer drängt sich irgendwann die kaltnüchterne Feststellung in den Vordergrund, daß hier traditionell eher langwierige Sozialisationsprozesse im Schnelldurchlauf abgerieben und eine mittels lauter Musik und Drogeneinnahme vorangetriebene Simulation erschaffen wird, in der sich von Manipulation unbetroffene Seinszustände in sowohl selbstgeschaffenen als auch fremdbestimmten Rollenbildern überführen lassen, um sich gleichsam in jenem Identitätsgewirr zu verlieren.

Gängigerweise kühlt sich jenes aufreibende Spiel jedoch bei Konfrontation mit der Realität des Arbeitsalltags wieder ab. Zwar wird auch dort ein Rollenbild eingenommen, jedoch recht häufig mit dem Umstand, daß eine größere Kontrolle über die Selbstpräsentation eingenommen werden kann. Eine Ausnahme bilden wohl Berufsgruppen, deren Tätigkeit sich im Bereich von Partys ansiedeln läßt. Also dort, wo die Grenzen zwischen Privat- und Partyperson zunehmend verschwimmen. 24 Hour Party People, das ist nicht nur der Titel eines Songs von den Happy Mondays und des Films von Michael Winterbottom, es ist auch Programm einer imagebemühten Arbeiterschaft um exhibitionistisch veranlagte Musiker, ihrer auf Umsatzzahlen und Ansehen fixierten Entourage an Managern und ihrer ereignisgeilen Zuhörerschaft.

Winterbottom beleuchtet einen Zeitabschnitt, als sich die hymnischen Gesänge der Musikergeneration um 1968 lichteten und den Platz für die düsteren Punkklänge der Sex Pistols einberaumten. In Manchester bildete sich Ende der 1970er Jahre das Zentrum der sogenannten Madchester-Bewegung, deren misanthropische Lebensansicht vom bitteren Alltag heruntergewirtschafteter Arbeiterbezirke genährt wurde und seinen adäquatesten Ausdruck in der weltschmerzbehafteten Musik von Joy Division fand. Die erste Band, die der im Zentrum des Films stehende TV-Moderator Tony Wilson unter Vertrag seiner Factory Records nahm. Der Tod des inzwischen zur Legende erklärten Frontmanns Ian Curtis markierte einen bezeichnenden Wendepunkt im verzweifelten Lebens- und Überlebenskampf einer Garde von allzu jungen Künstlern, deren Herkunft aus der Arbeiterschicht sie direkt in die Konzertsäle dieser Welt spülte, wo sie sich mit der befremdlichen Irrealität des eingangs erwähnten Party-Rollenspiels überfordert fühlten.

Anton Corbjn hatte dem Joy Division-Frontmann mit Control erst kürzlich ein sensibel aufbereitetes Denkmal gesetzt, in der sein exzessives Leben die Kulisse für eine bittertraurige Tragödie um verlorengegangene Hoffnungen und Schuld bildete. Winterbottom ist weit davon entfernt, eine solche Tonart anzustimmen. 24 Hour Party People ist eher als Persiflage auf die Medienfigur Tony Wilson zu betrachten. Die Tragödie um Ian Curtis etwa bildet für Wilson lediglich die Grundlage für ein überzogenes Medienspektakel; davon die Leiden seiner Zöglinge und damit ihre musikalischen Ausstöße überhaupt emotional zu begreifen, ist der wohlsituierte Cambridge-Absolvent weit entfernt. Winterbottoms Film ist eine zynische Abrechnung mit jenen, die ironischerweise das intruieren, was sie nicht begreifen. Indem er die chaotischen Geschehnisse um seine dandyhafte Hauptfigur auf semidokumentarischer Basis aufbereitet und, wie von Winterbottom gewohnt, damit auch ein Spiel mit den Realitätsebenen aufbietet, das auf hinterlistige Weise die Mechanismen moderner Popinszenierung hinterfragt, geraten die andernorts vermutlich für aufwühlende Depressionen und Selbstzweifel sorgenden Vorkommnisse, denen sich Wilson ausgesetzt sieht, zu verschiebbaren dramaturgischen Eckpfeilern für dessen Selbstinszenierung.

Damit ist 24 Hour Party People vielleicht doch wieder eine Tragödie, wenn auch ganz anders als Control: Er zeigt Menschen, die eigentlich kaputt gehen müßten, aber vom eingangs erwähnten Verwirrspiel um ihre Rollenbilder auf so erhebliche Weise emotional abgestumpft scheinen, daß ihr Leben endgültig zur Party der leichtfertig austauschbaren Zustände im Gesichtermeer geworden ist. 2008-10-22 07:14

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