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Animal Farm – Aufstand der Tiere

Animal Farm. GB 1954. R: John Halas, Joy Batchelor. B: George Orwell, Philip Stapp. K: Sid Griffiths, J. Gurr, William Traylor, Roy Turk. M: Matyas Seiber. P: Halas and Batchelor Cartoon Films.
70 Min. Winkler Film ab 20.2.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 1.0). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Making of, Trailer, Audiokommentar u.a.


Animal Collective

Von Martin Thomson In Being John Malkovich gibt es eine Szene, in der die Hauptfigur Craig Schwartz, geplagt von Liebeskummer und Selbstzweifeln, einen Pavian darum beneidet, kein von ihm als Fluch empfundenes menschliches Bewußtsein zu besitzen. Daß der Pavian gleichfalls unter dem Trauma seiner Gefangennahme zu leiden hat, erfährt der Zuschauer dann später durch eine Rückblende aus der Perspektive des verstörten Affen. Der Cartesianische Dualismus, der dem Tier den Status eines Automaten zuweist, wird hier auf sehr treffende Weise ad absurdum geführt.

Tiere sprechen keine für Menschen verständliche Sprache. Dennoch hält das Menschen nicht davon ab, sie in literarischen oder filmischen Darstellungsformen mit einer menschlichen Stimme sprechen zu lassen. Und ohnehin: Wer ist noch über den Anblick eines Hundebesitzers verwundert, der, ohne eine Antwort zu erhalten, einem Tier ausgiebig seine Sorgen mitteilt? Tiere werden einerseits vermenschlicht, andererseits industriell getötet, verpackt, gegessen und eingeschläfert. Auch die Euthanasie erfährt bei hartgesottenen konservativen Tierbesitzern eine Ausnahmeregelung: Da wird sich dann gern auf die eigene Schulter geklopft, wenn die hilflose Kreatur gönnerhaft von ihrem Leid befreit wird. Auf den Menschen angewandt gilt gleiches in den meisten Ländern der Welt als Mord. Der Grund für diese ambivalente Beziehung ist in einem täglich praktizierten Dualismus zu finden, der zwischen dem Tier als kulturellen Symbolträger und dem realen Tier als Automaten unterscheidet.

Tiergattungen bergen kulturell bedingte Konnotationen, die in den meisten Fällen auch Aufschluß darüber verschaffen, wie es um den Status des Tiers in der westlichen Welt bestellt ist: »Dumme Kuh« oder »dumme Sau« liefern einen Beweis für die Wahrnehmung vieler Menschen, Tiere seien Automaten und daher zwangs- und damit fälschlicherweise als »dumm« zu betrachten.

Entgegen dieser Auffassung jedoch erfreuen sich Tiere in Film und Literatur großer Beliebtheit. Eine Heerschar sprechender Pferde, Affen und Schweine aus Film, Fernsehen und Literatur begleitet Kinder während ihrer Sozialisation. In den Schulbüchern bringen quasselnde Hunde und Katzen dem Nachwuchs das Rechnen, Schreiben und Lesen bei. In Kinderzimmern stapeln sich Nagetiere mit Baseballcaps. Bei Berührung drauflossingende Elefanten. In den Betten warten Stoffbären mit umgebundener Fliege. Und schaut man sich den Erfolg der Psychedelic-Folk-Rock-Band »Animal Collective« an, deren Mitglieder mit Tiermasken die Bühne zu betreten pflegen, wird rasch klar, daß dem nostalgiegestörten Erwachsenen mit Peter-Pan-Syndrom im Popkultur-Becken zahlreich Gelegenheit geboten wird, in die sorgenlose Parallelwelt vermenschlichter Mehrbeiner abzutauchen.

Tiere sind hier mittels medialer Transformationsprozesse als Ikonographien anzutreffen, lediglich ihr Äußeres deutet noch auf einen Zusammenhang zum realen Tier hin. Gerade deswegen eignet sich auch der Animationsfilm so hervorragend zur Abstraktion, denn anders als der Realfilm, kann er sich vollständig realer Maßstäbe entledigen. Das Tier wird hier als kulturelles Symbol figuriert. Das sprechende Tier reduziert das Medium ganz und gar auf seine abstrahierende Funktion; hier wird am ureigenen Sinnträger der Natur in die Natur eingegriffen, denn das nicht zur menschlichen Sprache befähigte Tier verlangt schon zwangsläufig nach dem Eingriff des kreierenden und nicht länger die Kamera als Meßinstrument einsetzenden Filmemachers.

Bei Animal Farm handelt es sich um die filmische Adaption der 1945 von George Orwell veröffentlichten Fabel, in der er den Verrat der Ideale der russischen Revolution durch den Stalinismus thematisierte. Die Vorlage verhandelte bereits auf inhaltlicher Ebene Entfremdung, indem sie die verheerende Transformation des Kommunismus zum Stalinismus herausstellte. Die Befreiung vom Menschen, der hier wiederum Symbolträger kapitalistischer Unterdrückung ist, bedeutet für die Tiere zu Beginn, ihren Status als Abstraktion zu bekräftigen und sich ihres aufoktroyierten Daseins als Automaten zu entledigen. Das Tier darf jenes Bild sein, das beim Menschen lediglich als mediale Transformation vorliegt. »Alle Tiere sind gleich«, heißt es nach Niederschlagung der zweibeinigen Unterdrücker. »Doch einige sind gleicher«, ergänzen die Schweine nach ihrer Machtübernahme. Kommunismus wird Stalinismus. Die Schweine werden Menschen und das davon abzugrenzende Tier wieder Automat. Die Masse wird hier wieder Rohstoff. Die Tiere beginnen sich selbst zu essen.
2009-05-15 17:13

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