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Im Glaskäfig

Tras el cristal. E 1986. R,B: Agustí Villaronga. K: Jaume Peracaula. S: Raúl Román. M: Javier Navarrete. P: T.E.M. Productores S.A. D: Günter Meisner, David Sust, Marisa Paredes, Gisèle Echevarría, Imma Colomer, Josue Guasch, David Cuspinera, Ricardo Carcelero u.a.
107 Min. Bildstörung (Al!ve) ab 13.3.09

Sp: Spanisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Interview, Audiokommentar von Agusti Villaronga, Booklet.

Dämonisches Gegen-Ich

Von Marco Geßner Kindesmißbrauch und Folter, eingebettet in die Geschichte eines jungen Mannes, der sich als Pfleger eines alten, in einer eisernen Lunge dahinvegetierenden ehemaligen KZ-Arztes anbietet und nach und nach die Kontrolle über das Haus und dessen Familie übernimmt. Angezogen von den Aufzeichnungen des Arztes zu seinen lustvoll erlebten Foltermethoden an Kindern ebenso wie von Rache getrieben mutiert er zu dessen Alter ego. Augusti Villaronga entwirft in seinem Debütfilm Im Glaskäfig ein Schreckensgespinst aus den dunkelsten, verschwiegensten Abgründen der menschlichen Seele. Nicht erst seit dem Stanford-Experiment ist das Wissen um die Gefahr des Mißbrauchs von Macht über Dinge ebenso wie über Menschen bekannt, die Dynamik der Unterdrückung, welche die Veredlungsmechanismen des Individuums in ihr dämonisches Gegen-Ich umkehrt. Der Film behandelt darüber hinaus den Kreislauf von Gewalt, der sich wie ein Geschwür auf die nächsten Generationen überträgt und zeigt die engen Verbindungen von Lust und Schmerz, Perversion und Scham, Faszination und Ekel auf.

Villaronga gewährt dem Zuschauer dabei die Rolle des neutralen Betrachters, der, einer Versuchsanordnung gleich, die Entwicklungen der Charaktere zur Kenntnis nimmt, unfähig einzugreifen. Eine Identifikation mit den handelnden Hauptfiguren ist schwerlich möglich und auch nicht erwünscht, bereits durch ihre jeweilige Einführungssequenz werden deren negative, beunruhigende Wesensmerkmale betont. Der inhaltlichen Ausrichtung entspricht auch die ruhige Inszenierung mit ihrer kühlen, von Blautönen dominierten Farbgebung. Zudem hat der Regisseur sorgfältig eine ideelle Verquickung von Homosexualität und Gewalt/Perversion vermieden. Die KZ-Vergangenheit des Arztes, mit der im Film ein weiterer, sehr speziell deutscher Tabubereich thematisiert wird, dient dabei nach Aussage des Regisseurs lediglich als beispielhafte, historische Ausgangsbasis für die Pervertierung eines menschlichen Geistes durch die äußeren Umstände (die Ausnahmesituation Krieg und mit ihm die Verrohung der Sitten), Herrschaftsansprüche (Naziideologie) und Machtbefugnis (Arzt im Konzentrationslager).

Der Umgang mit den heiklen, tabubehafteten Themen ist für ein Debütfilm erstaunlich sicher gelungen und fernab spekulativer Exploitation, bei der inhaltlichen Umsetzung überrascht der Film mit der Offenheit seiner psychologischen Erklärungsmuster. Die Komplexität der Hauptfiguren erschließt sich zumeist in kleinen Andeutungen und nuancierten Gesten, die Handlungsmotivation der Charaktere ist nicht immer offensichtlich und verlangt vom Zuschauer die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Film und dessen Thema. Ob diese Offenheit dem Film zugute kommt oder als Makel anzusehen ist, ist dabei ambivalent und abhängig von der Erwartungshaltung des Rezipienten, der entweder Terrorkino oder ein psychologisches Drama über den Entwicklungsprozeß von der theoretischen zur ausgeübten Perversion erwartet. Im Glaskäfig ist in einigen Sequenzen sicherlich nichts für schwache Nerven, jedoch gerade diese schwer zu ertragenden Szenen zwingen den Betrachter zu einer moralischen Stellungnahme, zu einer Aufarbeitung des Gesehenen und damit zu einer Reflexion über das Filmthema. Die DVD-Edition des Labels »Bildstörung« ist daher zu begrüßen, da sie den Film zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum zur Begutachtung bereithält und in punkto Bild- und Tonqualität sowie erklärendes Bonusmaterial (Booklet, Interview mit dem Regisseur) überzeugt.
2009-06-12 11:06

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