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Mit Schirm, Charme und Melone: Edition 4

The New Avengers. GB/F/CDN 1976-1977. R: Ray Austin, Sidney Hayers u.a. B: Brian Clemens, Dennis Spooner, Terence Feely, Sydney Newman u.a. K: Michael Reed, Ernest Steward, Henri Fiks, Gilbert Sarthre u.a. S: Robert C. Dearberg, Ralph Sheldon, Alan Killick, Graeme Clifford u.a. M: Laurie Johnson. D: Patrick Macnee, Gareth Hunt, Joanna Lumley, Maurice Marsac, Pierre Vernier, Charles Millot, Terry Wood, Paul-Emile Deiber u.a.
ca. 1322 Min. Kinowelt ab 17.6.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 1.0). Ut: keine. Bf: 1.33:1. Ex: Audiokommentar mit Brian Clemens und Gareth Hunt (»The Eagle's Nest«), Avenging the Avengers, The New Avengers – Oliver Kalkofe erinnert sich.

Revenge is a Dish Best Served with Champagne

Von Carsten Tritt Die britische Serie Mit Schirm, Charme und Melone, im Original The Avengers betitelt, ist in Deutschland insbesondere wegen des stilvollen Agentenduos John Steed und Emma Peel in Erinnerung. Um The New Avengers nicht nur als Nachklapp zu verstehen, möchte ich kurz zusammenfassen, was zuvor geschah (und in Deutschland weitestgehend unveröffentlicht blieb; eingefleischte Kenner der Serie, die das sowieso schon wissen, mögen die nachfolgenden einführenden Sätze gegebenenfalls überspringen): Bereits 1961 entstand die erste Staffel der langlebigen Serie, Hauptfigur war dort noch der Kriminalfälle lösende Arzt David Keel (Ian Hendry, der in The New Avengers auch einen gelungenen Gastauftritt in anderer Rolle hat), unterstützt von John Steed, der für eine nie genau bezeichnete geheime Organisation der britischen Regierung arbeitete. Fast alle David-Keel-Folgen sind inzwischen verschollen, die einzigen beiden noch vollständig erhaltenen Folgen deuten jedoch schon eine überdurchschnittliche Qualität, insbesondere der Drehbücher, an.

1962 stieg Hendry aus der Serie aus, der von Patrick Macnee gespielte John Steed wurde von nun an zur Hauptfigur, zunächst mit wechselnden Partnern: Ein David-Keel-Klon namens Dr. Martin King diente wohl vor allem dazu, bereits geschriebene Bücher mit Arztbezug aufzubrauchen. Eine weitere Gehilfin von Steed war die etwas dümmliche, aber unterhaltsame Jazzsängerin Venus Smith, eine Figur, die aus heutiger Sicht etwas altbacken wirkt, aber durchaus funktionierte. Durchgesetzt hat sich schließlich die von Honor Blackman gespielte Cathy Gale, die 1963 und 1964 auch Steeds reguläre Partnerin wurde: Eine zu Steed völlig emanzipierte Frau, wie ihre Nachfolgerin Emma Peel (Diana Rigg) mit einer Vorliebe für hautenge Lederanzüge, allerdings ohne deren Humor.

Neben dem Wechsel von Gale zu Peel gab es allerdings noch zwei weitere wesentliche Änderungen zwischen den Produktionsjahren 1964 und 1965, die den Charakter der Serie entscheidend prägen sollten: Zum einen wurde die Serie ab den Emma-Peel-Folgen auf Filmmaterial gedreht, weswegen gegenüber den bisher mit Fernsehkameras auf Magnetband aufgezeichneten Folgen das Bild deutlich schärfer wurde, zum anderen gelang auch eine filmischere Gestaltung mit mehr Totalen statt nur Nahaufnahmen und mit mehr Außendrehs. Gerade hierdurch hat Mit Schirm, Charme und Melone den Sprung vom drehbuchlastigen Fernsehspiel zum visuellen Experimentierfeld geschafft, in welchem der Witz der Darsteller mit phantasievollen Kulissen und Storys, die sich weder durch Logik noch Naturgesetzbarkeiten beschränken ließen, einherging. Hinzu kam die zweite wesentliche Änderung, nämlich die Ablösung des äußerst drögen Soundtracks von Johnny Dankworth, der den Esprit eines Pausenzeichen versprühte, durch die Untermalung von Laurie Johnson mit dem auch heute noch berühmten Titelthema.

Nach Diana Riggs Ausstieg entstanden die letzten Folgen mit Linda Thorson als Tara King, eine deutlich unbeholfenere und rückständigere Figur als Peel, weswegen wohl auch versucht wurde, den Spielwitz zwischen den Protagonisten mehr und mehr durch gewollte Humoreinlagen zu ersetzen, bis die Serie zurecht 1969 zunächst eingestellt wurde.

Mitte der 1970er wurde Brian Clemens, ein langjähriger Drehbuchautor und später auch der fähigste Produzent von Mit Schirm, Charme und Melone, vom französischem Fernsehproduzenten Rudolph Roffi angesprochen, neue Folgen zu drehen, zumal die Tara-King-Episoden augenscheinlich besonders in Frankreich äußerst erfolgreich waren, und so entstanden 1975 und 1976 noch 26 Folgen The New Avengers in britisch-französischer Koproduktion bzw. in den letzten vier Folgen, als das Geld plötzlich arg knapp wurde, sogar unter kanadischer Beteiligung als The New Avengers in Canada.

Unter den Verehrern der Originalserie sowie in Deutschland sind die New Avengers nicht sonderlich populär, das aber eigentlich zu Unrecht, zumal zumindest die 1975 entstandenen ersten 13 Folgen von herausragendem Niveau sind. Steed wird nunmehr unterstützt von Purdey (Joanna Lumley), die in ihrer Intelligenz sowie mit ihrem tänzerischen Kampfstil durchaus dem Charme der Emma Peel nahe kommt, sowie dem ehemaligen Soldaten Mike Gambit (Gareth Hunt), der als dritte Hauptfigur eingeführt wurde, um dem zwischenzeitlich gealterten Patrick Macnee einige Actionsequenzen abzunehmen. Ob aus diesem Grund die Einführung des Gambit-Charakters notwendig war, erscheint zweifelhaft, ändert allerdings nichts daran, daß sich das neue Trio hervorragend ergänzte, vor allem die aus besseren Kreisen stammende Purdey und der proletarische Gambit harmonierten großartig. Allerdings ist dazu zu raten, aus diesem Grunde die Serie unbedingt in der Originalfassung zu schauen, da dies in den Dialogen der deutschen Synchronfassungen völlig verloren geht, und statt dessen lustlose Beliebigkeit dominiert, in der im Auftrag der ARD übersetzten ersten Staffel sogar noch deutlicher als in den später für Tele 5 synchronisierten Folgen.

Im Vergleich zu den Folgen aus der zweiten Hälfte der 1960er fehlt zwar die Buntheit der Kulissen, statt dessen wird vor einem realistischerem Setting inszeniert, allerdings wurde der Phantasiereichtum der Drehbücher in den 1975er Folgen demgegenüber nur wenig begrenzt, wo wie zuvor weiterhin auf Phantasiewaffen und Psychotricks zurückgegriffen werden darf, und so gerade im Vergleich zu zeitgenössischen Produkten der 1970er The New Avengers weiterhin aus dem Serieneinerlei geradezu herausstrahlt, wenn auch alles nicht mehr ganz so abgehoben ist wie zuvor. Der allerdings bestehende Unterschied wird deutlich, wenn man z.B. die New Avengers-Folge »Sleeper« mit der thematisch ähnlichen Emma-Peel-Folge »The Hour That Never Was« vergleicht: In »Sleeper« wird zu Beginn der Folge ein Betäubungsgas getestet; tags darauf stellen die drei Protagonisten fest, daß jemand die gesamte Stadt in Tiefschlaf versetz hat; in »The Hour That Never Was« irren Peel und Steed durch einen mysteriöserweise völlig menschenleeren Militärstützpunkt, was erst kurz vor Ende der Folge mit einer recht hanebüchenen Begründung erklärt wird. Obwohl »Sleeper« somit die drehbuchtechnisch vorbildliche Episode ist, in der alle Elemente ordnungsgemäß eingeführt werden, während »The Hour That Never Was« auf einen auch noch an den Haaren herbeigezogenen Deus ex machina zurückgreifen muß, bleibt »The Hour That Never Was« die mit Abstand unterhaltsamere und bessere Folge, zumal sie bis zu ihrem durchaus vorhandenen Makel die Absurdität der Situation viel gründlicher ausnutzen und ausreizen kann.

Dennoch bleiben auch die New Avengers einfallsreich genug, um herausragende Serienunterhaltung zu bieten, zumindest jedenfalls in der ersten Staffel. In den zweiten 13 Folgen werden die Fälle weitestgehend gewöhnlicher und unorigineller, auch die Dialoge zwischen den Protagonisten sind zum Teil schon müder geschrieben, und wenn auch noch mehrere gelungene Folgen vorhanden sind, so wirkt die Serie sodann über weite Strecken nur durchschnittlich, auch wenn sie nie völlig auf das Niveau amerikanischer Fließbandproduktion abfällt.

Lobenswert, und insgesamt in letzter Zeit ein Zeichen besserer DVD-Veröffentlichungen, ist, daß im Bonusmaterial zur DVD die Probleme und Mängel der Serie selbst behandelt und kritisiert werden, insbesondere in vorlesungsartig gehaltenen, allerdings durchaus unterhaltsamen Beiträgen von Oliver Kalkhofe, der produktionsbedingte Fehlentwicklungen wie auch inszenatorische Unsinnigkeiten kritisch analysiert, und dabei, würde man nur auf die Beiträge Kalkhofes schauen ohne die Folgen selbst zu kennen, die Serie sogar deutlich negativer betrachtet als der Autor dieser Rezension, der The New Avengers ja durchaus zu schätzen gelernt hat. Der begangene Weg, nicht nur Lobhudelei und Selbstbeweihräucherung ins Bonusmaterial zu packen, sondern im Wege einer kritischen Edition auch Fehler des Werkes nicht nur einzuräumen, sondern insbesondere auch zu analysieren, zeigt jedenfalls, daß immer mehr DVD-Vertreiber ihre Konsumenten durchaus für reif genug halten, sich auch offen mit der Serie auseinanderzusetzen. Auch deswegen sollte diese Ausgabe von The New Avengers durchaus zum Vorbild gerade für in höhere Preisklassen einzuordnende Veröffentlichungen, die sich nicht nur an Fanboys und Alleskäufer richten, werden. 2010-08-05 12:18

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