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22. Mai

22 mei. B 2010. R,B: Koen Mortier. K: Glynn Speeckaert. S: Nico Leunen. M: The Bony King of Nowhere, Mike Gallagher. P: CCCP, IJswater Films, Revolver Films, Ryva. D: Sam Louwyck, François Beukelaers, Wim Willaert, Norman Baert, Titus De Voogdt, Jan Hammenecker u.a.
88 Min. Donau film ab 18.11.11

Sp: Deutsch, Niederländisch (DD 5.1, 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Musikvideo, Kurzfilm.

Fegefeuer der Traurigkeiten

Von Robert Cherkowski Was tut ein junger Filmemacher, nachdem er gewaltig die Wände hat wackeln lassen und die erwartungsfrohen Blicke einer ganzen Generation hartgesottener Zuschauer auf sich gezogen hat? Dieser Frage mußte sich Koen Mortier stellen, nachdem er mit seinem Langfilmdebüt Ex Drummer den Putz von der Decke gerockt hat. Anstatt zu versuchen, den zornesroten Befreiungsschlag von einst zu wiederholen, atmete er offenbar tief durch und unternahm den kreativ-lebenswichtigen Schritt zurück, mit dem er sich von der Reputation des »angry young Wunderkind « emanzipierte. Wo der zynischbösartige Höllenritt durch das belgische Prekariat noch aussah, als hätte er Mann beißt Hund, Trainspotting und die Flodder- Familie zur Notzucht gezwungen und das Produkt dieser Orgie im eigenen Keller jahrelang mit Erbrochenem gefüttert, kommt 22. Mai daher, als hätte Krzysztof Kieślowski sich an Max Frischs »Triptychon « versucht. War die bedrückende Welt von Ex Drummer noch eine wild-wüste Hölle auf Erden, verlegt Mortier seinen neuen Wurf direkt in den Limbus.

Wo zuvor enthemmter Wahnwitz regierte, hält nun eine brütende Ernsthaftigkeit und inszenatorische Konzentration Einzug. Von einigen langen, aber keineswegs Aufmerksamkeit heischenden Plansequenzen abgesehen, verbietet sich Mortier alle Mätzchen. Schon der Prolog – eine 12minütige Schilderung des ermüdenden und deprimierend tristen Tagesablaufs des Shopping-Mall-Wächters Sam (Sam Louwyck) – verweigert den schnellen Pay-Off und zieht sich stattdessen mit provozierender Langsamkeit und fast völlig wortlos in die Länge. Nachdem sich Sam mühsam aus dem Bett gehievt und zum Brotjob gequält hat, geht wortwörtlich die Bombe hoch. Qualm, Geröll, Tote und Verletzte wohin man auch blickt. Mit geplatztem Trommelfell schleppt Sam ein paar Verwundete und Sterbende ins Freie, bevor er – mit den Nerven am Ende – hinaus in die Stadt rennt. Als er wieder zu Sinnen kommt stellt er fest, daß die Stadt menschenleer ist und ihn die Geister der Toten und Verwundeten heimsuchen. Manche, wie die junge Mutter (Steffi Peeters), beklagen seine Nachlässigkeit, den Selbstmordbomber Nico (Titus De Voogdt, Ben X) nicht erkannt und zur Strecke gebracht zu haben, andere, wie Transportarbeiter Norman (Norman Baert), sind zornig über ihren Tod, zumal sie noch vieles in ihrem Leben ins Lot bringen wollten. Wieder andere, wie der Fotograph Tristan (Tristan Versteven), wollen nicht begreifen, daß es wirklich schon vorbei sein soll. Wieder und wieder kreisen sie um die verhängnisvollen Minuten vor dem Anschlag, und mit jedem neuen ruhelosen Geist offenbaren sich neue Perspektiven auf die Katastrophe. Dabei gerät Mortiers Trip ins Fegefeuer nie allzu gesprächig. Zwar wird geredet, doch meist mit sich selbst und immer wieder scheint es, als würde sich die Sprachlosigkeit der Lebenden untereinander im Jenseits fortsetzen. Die Querverbindungen und Parallelen im Lebenslauf der Opfer offenbaren sich wortlos und in sachten Andeutungen auf den langen Fußmärschen durch das grau-verregnete Totenreich der Geisterstadt, während ein monoton mäandernder Score langsam seine Runden dreht.

Obwohl der Film dabei um Themen wie Verlust, Schuld und Sühne kreist, gibt er sich ausgesprochen kühl, was den emotionalen Zugang zu seinen Protagonisten angeht. Ohne den Kitsch des mißlungenen Eastwood-Heulers Hereafter oder die Extravaganz von Gaspar Noés Enter The Void schreitet er nun schweren Schrittes durch extrem fordernde 88 Minuten, die sich im Zweifelsfall eher länger anfühlen, was keinesfalls als Schmach zu deuten ist. 22. Mai ist schwere, doch dafür nährstoffreiche Kost und will ebenso erlitten wie erkämpft werden. Das Leben ist schon witzig genug. Erst gegen Ende wird Mortier von seinen einstigen Bilderstürmer- Ambitionen eingeholt und setzt zu den erhabenen Klängen von The Bony King of Nowhere zu einem wahren Ballett aus Explosionen, umherfliegenden Trümmern, sterbenden Körpern und letzten Gedanken an. Allein für diese Sequenz, die sich als einer der magischen Momente jüngerer Filmgeschichte empfiehlt, lohnt es sich, den schweren Brocken 22. Mai in Angriff zu nehmen. 2011-12-13 14:32

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