— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Hara-Kiri – Tod eines Samurai

Ichimei. GB/J 2011. R: Takashi Miike. B: Yasuhiko TakiguchiI, Kikumi Yamagishi. K: Nobuyasu Kita. S: Kenji Yamashita. M: Ryûichi Sakamoto. P: Recorded Picture Company, Sedic International, Amuse Soft Entertainment, The Asahi Shimbun Newspaper u.a. D: Koji Yakusho, Naoto Takenaka, Hikari Mitsushima, Eita, Kazuki Namioka, Munetaka Aoki, Hirofumi Arai u.a.
126 Min. Ascot Elite ab 22.5.12

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Japanisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Originaltrailer, Trailershow.

Quo Vadis, Miike?

Von Daniel Bickermann Die Anzahl der Menschen, die hierzulande die Entwicklung des japanischen Regisseurs Takashi Miike aufmerksam verfolgen, ist sicherlich nicht gerade überwältigend. Aber es ist eine fanatisch treue Gemeinde, die (meist vergeblich) versucht, mit den 4,3 Filmen Schritt zu halten, die der Meister durchschnittlich jedes Jahr auswirft. Egal, ob The Happiness of the Katakuris, Visitor Q, Gozu, Audition, Dead or Alive oder Ich the Killer – es war noch jedes Jahr mindestens ein vollkommen hirnsprengender Kultkracher darunter. Und doch hat die Miike-Anhängerschaft erstmals Grund zur Unruhe. Denn zumindest seine Big-Budget-Projekte, die den europäischen Markt erreichen, weisen in den letzten Jahren in einer geradezu schockierende Richtung: Miike wird bürgerlich. Noch schlimmer, Miike wird langweilig.

Wie konnte das passieren? Von muttermilchspritzenden Vermieterinnen über masturbierende Buchhalter bis zu feuerballwerfenden Polizisten gab es in den Werken Miikes noch immer alle Nase lang etwas Ikonoklastisches zu bewundern. Die Zähmung des Widerspenstigen vollzieht sich nun bei seinen Remakes. Daß Miike vor Neuverfilmungen von Klassikern nicht zurückschreckt, bewies er ja bereits mehrfach mit seinen Remakes von Kinji Fukasakus Graveyard of Honor und seiner herrlich durchgeknallten Italowestern-Variation Sukiyaki Western Django. Doch derzeit wendet er sich den Samurai-Klassikern aus der Blütezeit des Genres in den frühen 1960er Jahren zu – und plötzlich verliert Miikes Stil alle Merkmale des Originellen.

Nach 13 Assassins, in dem Miike wenigstens noch eine irrwitzige Sequenz mit brennenden Stieren unterbrachte, greift er nun den Roman von Yasuhiko Takiguchi noch einmal auf, aus dem der Meisterregisseur Masaki Kobayashi 1962 bereits die legendär-formalistische, bittere Samurai-Sozialtragödie Harakiri gemacht hatte. Und schon bei den ersten Bildern, Tönen und Dialogen dieser Neuauflage wird klar, daß Miike sich diesmal ordentlich verhoben hat. Denn die Geschichte des einsamen Samurai, der am Tor eines großen Clans anklopft, und darum bittet, in deren Vorhof rituellen Selbstmord begehen zu dürfen, ist ein subtiles Katz-und-Maus-Spiel der Psychologie – und der kreative Exzess-König Miike hat viele Talente, aber Subtilität suchte man bei ihm bisher vergebens. Trotzdem und entgegen jeder Vernunft will er in seinem Remake den klassizistischen Stil Kobayashis aber nicht unterlaufen, ironisch brechen oder ihn sich mit seinen typischen Absurditäten zu eigen machen – sondern ihn statt dessen kopieren, steigern und dramatisieren. Und das kann nicht gutgehen.

Kobayashis Harakiri war ein monolithisches Meisterwerk japanischer Filmkunst, ein minimalistischer Versuchsaufbau über Ehre und Nächstenliebe, in dem es nur Verlierer gibt, über die die Geschichtsbücher lapidar hinweggehen werden. Miike versucht, die kühle Ruhe des Originals zu übernehmen, die sich letztlich zu einem nervenzerreißenden Spannungsbogen kondensiert, und den Regler überall ein klein wenig höher zu drehen – und vergißt dabei, daß das Original auf allen Positionen legendär besetzt war und für seine aktuellen Mitarbeiter unerreichbar bleibt. Das Originaldrehbuch stammte seinerzeit von Kurosawas Samurai-Schreiber Shinobu Hashimoto, der die größtenteils in Rückblenden erzählte Geschichte in viele kleine Flashbacks zerschnitt, die den Haupthandlungsstrang langsam unterfütterten und in ganz neuem Licht erscheinen ließen. Miikes Drehbuchautor Kikumi Yamagishi dagegen, der ansonsten bisher nur Miikes absurdesten Film überhaupt schrieb, das Heimatfilm-Zombie-Musical The Happiness of the Katakuris, läßt seine Figuren eher plump ihre Gefühle aussprechen und setzt zudem die Vorgeschichte fast en bloc in den Film, was den eigentlichen Hauptkonflikt immer wieder in den Hintergrund rücken läßt. Kameramann Nobuyasu Kita, der seit 2009 bei den eher uninspirierten Miike-Projekten dabei ist, versucht die ruhige, statische Auflösung des Originals, mit langen, hypnotischen Plansequenzen und großer Stille, mit Farben, Fahrten und nicht zuletzt 3D aufzumotzen und steht damit in der Konkurrenz zu dem Bilderzauberer Yoshio Miyajima auf verlorenem Posten. Dem avantgardistischen Zwölfton- Score des legendären Komponisten Toru Takemitsu kann selbst der gediegene Ryuichi Sakamoto (in seiner ersten Zusammenarbeit mit dem Wüstling Miike) nur die schwulstigen Streicher entgegenhalten, die die moderne Filmmusik so eintönig klingen lassen. Und Miikes Hauptdarsteller Ebizô Ichikawa mag aus einer bis ins 17. Jahrhundert zurückreichende Theaterfamilie stammen und eine Kabuki-Legende sein, nichtsdestotrotz wirkt er mit seinen 35 Jahren in der Hauptrolle deutlich zu jung für die Rolle des letzten schlachterprobten Samurais in Japan – und in den Fußstapfen des großen Tatsuya Nakadai, der später die Kurosawa-Hauptrollen übernehmen sollte und dessen düsteres Grollen von naiver Unschuld bis tödlicher Bedrohung eine beeindruckende Bandbreite hatte, hat er schlicht nichts zu suchen.

Und Miike selbst schafft es nie, sich die fremde Geschichte wirklich zu eigen zu machen. Er kopiert viele Einstellungen – den frontalen Blick auf die alte Samurai-Statue, die alles Verlogene symbolisiert, gegen das sich der Protagonist auflehnt; oder den Blick auf den Innenhof des Iyi-Clan aus der Vogelperspektive, der die Geschichte wie eine Versuchsanordnung erscheinen läßt. Aber er scheint deutlich weniger an dem perfiden Zweikampf der Blicke und Höflichkeiten zwischen Protagonist und Antagonist interessiert, die Kobayashis Film seine subversive Stärke geben. Stattdessen läßt er den sanften Meistermimen Koji Yakusho den nominellen Antagonisten Kageyu verwässern und schenkt dem Helden, der bei Kobayashi von Anfang an zu einem Schicksal ohne jede Ehre oder Erlösung verdammt ist, eine jesusartige Selbstopferungs-Sequenz mitsamt Himmelfahrt, die den Zuschauer zweifeln läßt, ob Miike die Botschaft des bitteren Kammerspiels wirklich verstanden hat. Sicher, wenn man das Original nicht kennt, kann auch in Takashi Miikes Harakiri: Tod eines Samurai noch eine erstaunliche Geschichte mit brillanten Wendungen entdecken. Allein, was ist der Wert von alldem, wenn sie schon einmal, und ungleich besser, erzählt wurde?

Wo läßt dies nun die Miike-Gemeinde, die ihm 13 Assassins noch verziehen hat? Man darf sich Sorgen machen. Vorbei die Zeiten, als seine Filme bei Liebhaber-Klitschen wie Rapid Eye Movies oder I-On aufbereitet wurden, inzwischen erscheinen die Miike-DVDs beim Action-Spezialisten Ascot Elite im edlen Mainstream-Schuber, der völlig zu Unrecht ein blutiges Spektakel verspricht. Ob der Bruch in Miikes Filmographie dauerhaft ist oder ob er sich mit seinen Samurai-Filmen nur in ein unfruchtbares Genre verrannt hat, bleibt abzuwarten. Über der DVD von Harakiri: Tod eines Samurai jedenfalls prangt der Spruch »Vom Regisseur von 13 Assassins«. Und das ist in diesem Falle eher als Warnung zu verstehen. 2012-08-06 09:19

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap