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Der komische Kintopp

Die Macht des Walzers (1908), Der Herzenknicker (Don Juan heiratet) (1909), Willys Streiche (Klebolin klebt alles) (1909), Ein moderner Brutkasten (1912), Purzel als Tennisspieler (1912), Purzel als Schornsteinfeger (1912), Karl Valentins Hochzeit (1912/13), Monsieur Pyp als Champignonzüchter (1913), Teddy als Ehestifter (1913), Luny als Chinese (1913), Der neue Schreibtisch (1914), Frau Blechnudel will Kinoschauspielerin werden (1915), Papa will verduften (ca. 1915), Der Hausstreik (1919), Eri Schuhpaste (1919), Der Perser (1919).
180 Min. absolut Medien ab 20.7.12

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.33:1. Ex: 46-seitigen Broschüre »Der komische Kintopp« als PDF im ROM-Teil.

Spröde Lust am Chaos

Von Michael Wedel Frühe deutsche Filme sind nicht unbedingt für ihren Humor bekannt. Sieht man einmal von den Komödien singulärer Erscheinungen wie Karl Valentin oder Ernst Lubitsch ab, basieren die heute noch berühmtesten unter ihnen ganz im Gegenteil entweder auf gewichtigen literarischen Vorlagen, schwelgen im Prunk ihrer opulenten Ausstattung, beschwören düstere Geistervisionen und fantastische Widergänger aus der Romantik herauf – oder alles auf einmal.

Daß dieses Bild eklatante Züge einer retrospektiven Verzerrung trägt und keineswegs unbedingt den tatsächlichen Verhältnissen im deutschen Kino der 1910er Jahre entspricht, davon kann sich nun die Schar der bisher in dieses offene Geheimnis Uneingeweihten am Beispiel der Edition Der komische Kintopp überzeugen. Sie bietet 16 in sechs Folgen angeordnete Kurzkomödien von bis zu 15 Minuten Laufzeit. Jede von ihnen wird mit einem Kommentar, gesprochen von Ulrich Tukur, in wenigen Sätzen vorgestellt. Wer sich ausführlicher über die Filme, ihre Regisseure und Darsteller informieren will, kann die mitgelieferte PDF-Datei ansteuern, in der eine gedruckt zuerst 1997 erschienene Broschüre mit Essays, zeitgenössischen Dokumenten und filmographischen Angaben zu finden ist.

Die prägenden Figuren der Sammlung heißen Gerhard Dammann und Rudi Bach. Dammann – Autor, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion – ist gleich mit drei Werken vertreten: Luny als Chinese (1913) war seinerzeit Teil einer Serie um die Figur »Luny«, die in diesem Beispiel einer schönen Chinesin nachsteigt und daraufhin von der Verlobten und Freunden in einem wilden Maskenspiel zum Besten gehalten wird. In Der Hausstreik (1919) gibt Dammann einen Direktor, der die Lohnforderungen seines Personals erst bewilligt, nachdem sich seine Unfähigkeit, den Hausputz selber in die Hand zu nehmen, erwiesen hat. Auch in Der Perser (1919), in dem Dammann seiner Frau zum Hochzeitstag einen neuen Perserteppich spendiert, ihn – zu einer bedrohlichen Wurst gerollt – aber selber nach Hause tragen muß, geht im Verlauf der Handlung allerlei zu Bruch, zuletzt die ihm zum gleichen Anlaß zugedachten Statue. Rudi Bach ist in zwei Kostproben seiner »Purzel«-Serie aus dem Jahre 1912 zu begutachten: Purzel als Tennisspieler und Purzel als Schornsteinfeger. In beiden Fällen geht, nomen est omen, alles, was er unternimmt, gründlich schief, von derben Grimassen quittiert. Geradezu subtil in der Präzision der Körperkomik wirkt dahingehend Karl Valentin, der mit Karl Valentins Hochzeit (1912/13) und Der neue Schreibtisch (1914) vertreten ist, die längst zu Klassikern des Genres zählen. Zumindest in dieser Hinsicht kann der Kanon so bleiben wie er ist.

Ein Tonbild – Die Macht des Walzers (1908) – und zwei Reklamestreifen – Willys Streiche, besser bekannt als Klebolin klebt alles (1908, mit dem jungen Curt Bois) – und Eri Schuhpaste (1919) belegen die Nähe zu benachbarten Gattungen aus dem Kurzfilmsegment. Mit Joseph Giampietro ist in Der Herzenknicker (Alternativtitel: Don Juan heiratet, 1909) einer der populärsten Bühnen- und frühen deutschen Filmstars zu sehen; eine Begegnung, die am gegebenen Beispiel allerdings eher leichtes Befremden als wahre Freude auslösen mag. Daß der Typ »Cindy aus Marzahn« schon durchs Kaiserreich geisterte, läßt sich an der namentlich nicht identifizierten Hauptdarstellerin von Frau Blechnudel will Kinoschauspielerin werden (1915) studieren, die auf der DVD außerdem noch in einer kurzen Burleske mit dem Archivtitel Ein moderner Brutkasten (1912) zum Zuge kommt. Die aus Frankreich importierte komische Figur des »Monsieur Pyp« wird exemplarisch in einem Film des gebürtigen Elsässers Charles Decroix als vermeintlicher Champignonzüchter präsentiert. An Monsieur Pyp als Champignonzüchter (1913) läßt sich allerdings noch kaum erahnen, wie Decroix zum Vorbild für einen so erfolgreichen Unterhaltungsregisseur wie Richard Eichberg werden konnte. Eine Verwechslungsgeschichte um ein fehlerhaftes Inserat, daß anstelle einer Partnerin für den dressierten Bären ob der tierischen Gesellschaft zunächst leicht erschrockene Interessentinnen für dessen Besitzer anlockt (Teddy als Ehestifter, 1913) und das Fragment Papa will verduften (1915) füllen die einzelnen Folgen der mit aparten Titelkarten verbundenen Sammlung auf.

Wirklich zum Lachen ist das alles nur in den seltensten Fällen: bei Valentin, einer Handvoll gelungener Trickaufnahmen und in wenigen glücklichen Momenten, in denen die zumeist grobe Körperkomik tänzerisch-artistische Qualitäten und eine destruktive Energie entwickelt, die zum schönsten Chaos führt. Die von den Handlungen im Einzelnen angesteuerten komischen Effekte sind in der Regel vorhersehbar, filmisch operieren die hier versammelten Proben der frühen deutschen Filmkomödie merklich zurückhaltend, von wenigen Ransprüngen zur Verdeutlichung wird den Darstellern zumeist das Feld der Totale überlassen. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, lassen die in der Edition versammelten Stücke formale, erzählerische oder darstellerische Finessen vermissen, wie sie ihren französischen oder amerikanischen Vorbildern durchaus eigen sind. Sie vermitteln daher eher einen Eindruck davon, mit welchen ungehobelten Mitteln sich auch vor 100 Jahren schon das Publikum in Deutschland erheitern ließ. So historisch berechtigt die Edition erscheint, es stellt sich doch ein gewisses Bedauern darüber ein, daß die Auswahl strikt dem 1997 von CineGraph Hamburg zusammengestellten Programm folgt. Neuere Archiventdeckungen bleiben ebenso außen vor wie frühe Ansätze einer »sophisticated comedy«, die es auch in Deutschland gegeben hat: Man denke nur an Max Macks Der stellungslose Photograph (1912) oder Wo ist Coletti? (1913), Franz Hofers Fräulein Piccolo (1915) oder Lubitschs Als ich tot war (1915), die allesamt noch nicht auf DVD vorliegen. Mit ihren längeren Laufzeiten hätten sie die Programmstruktur der vorliegenden Edition wahrscheinlich gesprengt. Anlaß für »Der komische Kintopp II« bieten sie allemal. 2012-10-19 16:39
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