— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

The Hunter

AUS 2011. R: Daniel Nettheim. B: Julia Leigh, Wain Fimeri, Alice Addison. K: Robert Humphreys. S: Roland Gallois. M: Matteo Zingales, Michael Lira, Andrew Lancaster. P: Porchlight Films. D: Willem Dafoe, Sam Neill, Frances OConnor, Sullivan Stapleton, Callan Mulvey, Jacek Koman, Morgana Davies, Dan Wyllie u.a.
97 Min. Ascot Elite ab 24.7.12

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: B-Roll, Soundbites, Clips, Originaltrailer, Trailershow.

Wilderness

Von Stefan Jung Ein Auftragskiller (Willem Dafoe) wird von einer ominösen Firma angeheuert, um zur Abwechslung einmal außerhalb des Großstadtdschungels auf Jagd zu gehen. In den entlegenen Wäldern Tasmaniens soll er den letzten der schon lange als ausgestorben geltenden Beutelwolf (der legendäre Tasmanische Tiger) erlegen, damit aus Extrakten dessen giftenthaltender Körperflüssigkeit ein neuartiges Narkotikum hergestellt werden kann. Die augenscheinlich rassistischen Landarbeiter machen dem Jäger vor Ort das Leben schwer, bezichtigen ihn, da er von Beginn an als Umweltschützer getarnt auftritt, des Arbeitsraubs und drohen mit physischer Gewalt. Glücklicherweise bleibt auch in der Leinwandadaption von Julia Leighs gleichnamigem Romandebüt die sozio-ökologische Botschaft angenehm im Hintergrund, die Ausrichtung liegt eindeutig auf der Generierung von Atmosphäre und Spannung. Was dem Film über weite Strecken durchaus gelingt, das sei an dieser Stelle bereits gesagt, ist die bildliche Erfassung jener hypnotisch-faszinierenden Erzählsprache, mit welcher die talentierte australische Schriftstellerin so virtuos in den Bann ziehen konnte. The Hunter ist überaus sehenswert und das liegt nicht zuletzt auch am Hauptdarsteller, der seine Rollen häufig so markant auszufüllen versteht wie kaum ein anderer.

The Hunter ist eine Geschichte um Motivik. Der Jäger, er steht für das Wilde im Menschen, das erst im Angesicht der schroffen Natur sein wahres Selbst offenbart. Poesie ist schließlich das verbindende Element von literarischer und filmischer Erzählweise. Regisseur Daniel Nettheim und sein Kameramann Robert Humphreys (Wildness, 2003) lassen uns ihr Werk über 45 Minuten aus der Sicht faszinierter Landschaftsliebhaber betrachten, zählt man alle Sequenzen zusammen, in denen die Kameras sich aus Boden-, Fahrt- und Luftperspektive der größten südlichen Insel des roten Kontinents nähern. Präsentiert wird die reine, unberührte Wildnis, in dessen Angesicht der Moment der Zivilisation verhalten bleibt – ein Versprechen, das bereits andere Filme aus dem Outback einlösen konnten (Walkabout, 1971; Van Diemen’s Land, 2009), wird hier zur obersten bildlichen Prämisse erhoben. In beeindruckenden Kameraschwenks werden Regenwaldlandschaften, bis an den Horizont reichende Seen- und Steppenlandschaften und verschneite, scharfkantige Gebirgspässe portraitiert, daß man sich gleich über zwei Dinge ärgern muß: erstens die nicht wirklich überragende Bildqualität der Blu-ray (häufiges Rauschen, Kontrastschwäche in Hell- und Dunkelbereichen) und bereits zu Beginn schlichtweg die Tatsache, daß dieser Film hierzulande nicht im Kino erlebt werden konnte, jenem wundervollen Medium, für das The Hunter geradezu prädestiniert zu sein scheint.

Die Story wurde im Gegensatz zur Romanvorlage selbstverständlich auf ein Grundgerüst heruntergebrochen, dabei vollzieht das Drehbuch allerdings eine eigenartige Abwandlung: Die kleine Familie, eine noch junge Witwe mit ihren beiden Kindern, bei welcher der Jäger innerhalb des fremden Terrains Unterschlupf findet, ist nicht wie ursprünglich in der Wildnis selbst angesiedelt, sondern in einer dünn besiedelten Gegend, die eher eine Zwischenstufe zwischen urbaner Welt und unberührter Natur darstellt. Auch hier leben einige, meist unversöhnliche Menschen, die Projektionsfläche der sich gegenseitig bedingenden Anpassungsmuster kommt im »sozialisierten« Umfeld allerdings weniger zum Tragen – die Nebenfiguren bleiben häufig ein wenig blaß –, als in späteren Szenen. Dann nämlich schleicht der Protagonist, bar jeglicher Stimmaktivität wie ein Raubtier durch die Prärie, immer auf der Suche nach der scheinbar noch lebenden Kostbarkeit. Die Kamera begleitet den humanen Einzelgänger auf Schritt und Tritt, fängt in betörenden Momenten die subtilen, geradezu animalischen Gesichtszüge von Dafoe ein und setzt sie in perfektem Schnittverhältnis zu den Aufmerksamkeitsquellen: Das Wittern von Geräuschen und Gerüchen, all jener minimalen Veränderungen innerhalb der natürlichen Sphäre, wird in anschließender Nahaufnahme kongruenter Organe und deren fein abgestimmter Regungen visualisiert. In diesen Augenblicken ist man völlig im Film, vergisst alles um sich herum. So muß das sein. 2012-10-22 09:05
© 2012, Schnitt Online

Sitemap