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Mahabharata

F/GB 1989. R,B: Peter Brook. B: Jean-Claude Carriere, Marie-Helene Estienne. K: William Lubtchansky. S: Nicolas Gaster, Michèle Hollander. M: Toshi Tsuchitori. P: Channel 4 Television Corporation, The Brooklyn Academy of Music, Centre National de la Cinématographie, Les Productions du 3ème Etage u.a.
542 Min. absolut Medien 20.7.12

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1. Ex: ausführliches Booklet.

Die Geschichte der Welt

Von Daniel Bickermann Wer immer noch denkt, daß literarische Großwerke wie Tolkiens »Herr der Ringe«, Musils »Mann ohne Eigenschaften« oder Homers »Illias« schwer zu verfilmen sind, sollte sich einmal das »Mahabharata« vornehmen. Das überwältigende Versepos der Sanskrit-Kultur und einer der mythologischen Urtexte der Menschheit überhaupt ist mit 200.000 Verszeilen fünfzehnmal umfangreicher als die Bibel, und die Lektüre, geschweige denn das echte Verständnis, seiner mythologischen, theologischen, philosophischen und moralischen Fragen ist eine Lebensaufgabe an sich.

Daß ein solches Werk nicht einmal von der Big-Budget-Maschine Hollywood angegangen werden kann, versteht sich von selbst – sie hätte vermutlich auch kein Interesse daran. Es braucht einen Vor- und Mitdenker, es braucht eine visionäre Adaptions-Strategie und es braucht ein herausragendes Cast, um dieses Menschheitsepos abbilden zu können. Dem großen Regisseur Peter Brook und der Autorenlegende Jean-Claude Carrière ist es 1989 triumphal geglückt: Sie formten das »Mahabharata« erst zu einem neunstündigen Theatererlebnis und schließlich zu einem über fünfstündigem Film – und ihre Methode dafür ist zugleich atemberaubend komplex und schockierend simpel.

Denn wie geht man mit einer Geschichte um, die von einem verwilderten Einsiedler scheinbar wirr zusammengefaselt wird und deren wilde Handlungsumschwünge einer Logik von Legenden und Märchen folgt? In der das Schicksal abrupt, grausam, absurd und von bitterer Gerechtigkeit ist? In der eine Frau mit einem Schlag hundert Söhne gebiert und eine andere von den Göttern erwachsene Kinder geschenkt bekommt? Und vor allem: Wie geht man mit einer Geschichte um, in der das Wort gleichbedeutend ist mit der Tat? In der eine Lüge oder ein Liebesschwur effektiver töten könne als ein Pfeil oder ein Schwert; wo Flüche und Zaubersprüche die Götter beschwören oder wundersame Waffen manifestieren können? Nichts Ausgesprochenes ist rücknehmbar, selbst ein einfacher Versprecher bestimmt das Leben der Beteiligten auf Jahrzehnte und nicht selten bis zu ihrem Tod.

Peter Brook wagt, und gewinnt, dieses überwältigende Unterfangen, indem er das Mahabharata wörtlich nimmt und es erzählt, wie ein Kind es erzählen würde: Mit Unschuld und tiefer Ernsthaftigkeit. Mit einem Hauch spielerischer Komik und schwerer Tragödie. Vor allem aber mit einer Universalität, wie man sie im heutigen Kino der Konkretion kaum noch zu beobachten darf.

Man muß dazu verstehen, daß Brook vorrangig Theaterregisseur ist, und auch wenn seine Filmprojekte Herr der Fliegen, Marat/Sade und eben das Mahabharata prestigeträchtige Festivalerfolge wurden, so sind sie doch immer Auswüchse seiner Bühnenprojekte. Und Brook ist das, was das moderne Regietheater gerne wäre, aber nie erreicht, weil es viel zu sehr in seinen eitlen Schnickschnack und Firlefanz verliebt ist: Brook ist der Meister des Minimalismus. Er hat einst auf einer kleinen Bühne den kompletten Hamlet erzählt, mit nichts weiter als einer Handvoll Schauspieler, einem Teppich und zwei Holzstöcken – und es war atemberaubend. Seine berüchtigte »Herr der Fliegen«-Adaption bestand aus einer losen Gruppe britischer Schulkindern, einer wackeligen, schwarzweißen Handkamera, viel Improvisation und noch mehr Wahrhaftigkeit. Und auch für das »Mahabharata«, die Geschichte der Welt, für Götter und Menschen, für Freudenfeste und Schlachtgetümmel, braucht Brook nicht mehr als ein paar Schauspieler und einige Vorhänge. Wie gesagt sind die Mittel verwirrend einfach, das Konzept dahinter aber hochgradig komplex.

Neben der Zeitlosigkeit durch Verzicht auf Requisiten und den Rückgriff auch archaische und archetypische Gewänder und Waffen erreicht Brook auch eine Ortlosigkeit dank seines größten Trumpfes: seines legendären Ensembles, dessen Mitglieder er aus allen Kulturen der Welt selbst handverlesen hat. Die gut 30 Darsteller, die im Mahabharata teils in mehreren Rollen auftreten, kommen aus Algerien, den USA, der Schweiz, der Türkei, Polen, Frankreich, Deutschland, England, Irland, Indien, Trinidad, Mali, Italien, Japan, Guinea, Vietnam, Tunesien, Iran, Norwegen, Indonesien – und nicht selten aus mehreren gleichzeitig. Es ist das Theater der Menschheit, nicht weniger. Daß bis auf Ciarán Hinds (in einer kleineren Rolle) darunter kaum bekannte Filmschauspieler sind, sollte dabei niemanden irritieren – es sind allesamt Theaterlegenden, wie die große Miriam Goldschmidt, die hier ihren einzigen Filmauftritt hat, oder der Weltschauspieler Yoshi Oida, oder der alterslose Sotigui Kouyaté, der kurz vor seinem Tod 2010 noch den Darstellerpreis auf der Berlinale erhielt, sich auf der Bühne niederließ und eine der bewegendsten Ansprachen der Festivalgeschichte hielt.

Diese strahlenden Persönlichkeiten schaffen es zum einen, das komplizierte Figurengeflecht (mit unmerkbaren Namen wie Dhritarashtra und Yudhishthira) übersichtlich zu machen. Zum anderen verleihen sie den Figuren echte Wärme und Menschlichkeit, was keine einfache Aufgabe ist angesichts der Tatsache, daß es sich dabei um übermenschliche Helden handelt, die schonmal schwören, die Eingeweide des Gegners zu verspeisen oder ihr Haar in deren Blut zu waschen – und das dann in den furiosen letzten anderthalb Stunden des Films, in denen sich praktisch alle Protagonisten in atemberaubenden Zweikämpfen gegenseitig abschlachten, auch tatsächlich tun.

Kurz: Die gewaltige Größe und Kunstfertigkeit dieses Films verleiht ihm in der westlichen Filmkultur eine Sonderrolle – und glücklicherweise suchen auch Aufmachung und Sorgfalt der DVD-Veröffentlichung in Deutschland ihresgleichen. Die Mahabharata-Edition von absolut medien spielt durchaus in der Criterion-Liga: Sie enthält sowohl die fünfeinhalbstündige Originalfassung als auch die dreistündige »Kinoversion«, die auf dem Filmfestival in Venedig lief. Dazu gibt es ein einstündiges Making-Of, das nicht nur die komplexe Geschichte und Bedeutung des »Mahabharata« nachzeichnet, sondern auch die Bühnen- und Dreharbeiten bis ins Details nachverfolgt. Neben der englischen Tonspur, die aufgrund der pan-ethnischen Akzente vorzuziehen ist, gibt es auch eine solide deutsche Synchronisation (allein Untertitel hätte man sich zu den Fassungen noch gewünscht). Abgerundet wird die luxuriöse Ausgabe von einem ausführlichen Booklet, in dem Brook und Carrière in Essays über die Archaisierung von Sprache und das Eigenleben von Mythologie sprechen.

In diesem prächtigen Gewand erscheint eine Geschichte, die so alt ist wie die Welt, die in Kindercomics und Singspielen ebenso erzählt wird wie in prächtigen mittelalterischen Malereien. Es ist das große Lehrstück über die Lehre vom Dharma, über Pflichterfüllung, Selbsterkenntnis und Einheit mit dem Universum. Es ist das Fundament der Hindu-Kultur und über einem Dutzend Religionen. Es mag vielleicht die ausschweifende Faselei eines verrückten Einsiedlers sein, aber, um es mit Shakespeares »Macbeth« zu sagen: »Was ist das Leben, was ist die Geschichte der Menschheit anderes als das Gefasel eines Narren, voller Lärm und Gewalt?« 2012-10-24 12:31

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