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Robert Mapplethorpe

USA 2006. R,B,K,S: Paul Tschinkel. B,K: Marc H. Miller. M: Jayne County, Coati Mundi. P: Inner-Tube Video.
79 Min. Inner-Tube Video ab 2006

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Englisch. Bf: 4:3 Vollbild. Ex: Keine.

Laurie Anderson: On Performance

USA 2001. R,B,K,S: Paul Tschinkel. B,K: Marc H. Miller. M: Laurie Anderson. P: Inner-Tube Video.
54 Min. Inner-Tube Video ab 2001

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Englisch. Bf: 4:3 Vollbild. Ex: Keine.

»In the Night-Time…

Von Philipp Fernandes do Brito …that’s where Christopher Street was still a vital force, you know. This is pre-AIDS or where people knew very little about AIDS.« So beschrieb Jack Walls, einer der ersten Partner Robert Mapplethorpes, das Leben im bankrotten, aber künstlerisch lebhaften New York der 1970er und 80er Jahre. Und vital war sie, die Downtown- Szene, die sich am Ende des Meat Packing District, den Piers und dem Greenwich Village entfaltete – voll von Plätzen, an denen sich Welten des Scheins, des Seins und des Abweichens vermischen konnten. Sie kamen erst zum Vorschein, wenn sich die Sonne neigte und die Nacht aus dem Zwischenstadium des Sonnenuntergangs hervortrat.

Verschwindet das Licht wie die Gerüche und Farben des Tages, tritt eine andere Welt hervor. Hellerleuchtet von Neonreklamen, Straßenlaternen, flüchtig und am Morgen nicht mehr wirklich, bevölkern sie die Gestalten der Nacht. Als eine solche charakterisiert Walls Mapplethorpe: freundlich, höflich, charismatisch, aber trotzdem als Outsider, der nicht nur in seinen Fotographien, sondern auch als Mensch zwischen dem Image und der eigentlichen Person zu schwanken scheint. All dies oszilliert zwischen der zurückhaltend- unterkühlten Ästhetik seiner Blumen und Pflanzen, die die Tendenzen der Minimal Art im fotographischen Medium weiterzuführen scheinen, und den formal-ästhetischen Akten, Portraits und Bildern der sadomasochistischen wie homosexuellen Subkultur einer Epoche. Wie keine Zweite blüht in ihr und vor allem an ihren nächtlichen Rändern geradezu janusköpfig eine Kultur des Alter ego, die Mapplethorpe fotographisch einfängt, dokumentiert, formalisiert und in ihrer skulpturalen Qualität, ähnlich der gezeigten Bodybuilderin und Muse Lisa Lyons, modelliert. Die Fotographien schimmern in ihren Schwarz-, Weiß- und Grauschattierungen wie die Nacht in all ihren identitären Facetten und geben uns mit Mapplethorpes Worten eine »photographic novel, without a storyline«, die von der Fantasie der Nacht in die Realität des Tages und zurück reicht.

Ähnlich den Werken Mapplethorpes läßt auch die Dokumentation selbst all die Versatzstücke dieses subkulturellen Spiegels hervorblitzen, da es neben Verwandten und Partnern vor allem jene Wegbegleiter sind, die es noch vermögen, diese scheidende Welt nachzuzeichnen. Privat, leise und klar läßt hierbei Regisseur Paul Tschinkel in seiner seit 1979 erscheinenden Video- und DVD-Serie viele dieser Stimmen zu Wort kommen, die Teil dieser nächtlichen Realität sind. Klaus Nomie, Jayne County, The Waitresses, Johnny Thunder, Nan Goldin, Jean- Michel Basquiat, Larry Rivers oder auch die scheue und meist intim arbeitende Louis Bourgeois finden sich hier wieder. Dabei ist er selbst kein Außenseiter. Als ehemaliger Kunststudent, dessen frühes Interesse an Video ihn zur Realisierung von »Paul Tschinkel’s Inner-Tube« führte – von 1974 bis 1984 eines der ersten wöchentlichen Kunstprogramme im New Yorker Kabelfernsehen – machte ihn und nicht nur seine Arbeit zum Teil dieses unwirklichen Kosmos der Nacht.

Wie die Erfahrungen auf New Yorks Straßen von Downtown, sind auch seine Dokumentationen anders. Zwar gleichermaßen bevölkert von den Protagonisten der Punk- wie No-Wave-Szene und den damals jungen und heute hervorragenden Künstlerpersönlichkeiten, die sich auch in etlichen Kultfilmen und neuzeitigen Kunstreportagen finden, jedoch entbehren sie jeglicher Artifizialität. Gemeinsam mit der zu hörenden Stimme in Laurie Andersons unter dem Titel »Numbers Runners« (1979) installierten gelben Telefonzelle an einer Ausstellungswand scheinen sie vielmehr zu fragen: »Is anyone there? Hello? Is anybody there? You got my complete attention! Who are you?«

Wie in Andersons Werken geht es jedoch nicht um Dokumentation, sondern um Erinnerungen. Die Beschreibung der Essenz einer Person und gleichsam die ihres künstlerischen Werkes, die Anderson wie Mapplethorpe oder auch Tschinkel aus Erfahrungen speist. Tschinkels visuelle Erinnerungen zeigen die Künstler selbst und mit ihnen die Nacht als etwas, in der sie noch besteht, diese Welt der New Yorker Subkultur der 1970er und 80er Jahre. 2012-11-13 15:08

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