— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Tausendschönchen

Sedmikrásky. CS 1966. R,B: Vera Chytilová. B: Ester Krumbachová, Pavel Jurácek. K: Jaroslav Kucera. S: Miroslav Hájek. M: Jirí Slitr, Jirí Sust. P: Filmové studio Barrandov. D: Ivana Karbanová, Jitka Cerhová, Marie Cesková, Jirina Myskova, Marcela Brezinová, Julius Albert, Oldrich Hora u.a.
73 Min. Bildstörung ab 27.7.12

Unsinn und Sinnlichkeit

Von Marieke Steinhoff Beste Freundinnen schmücken sich oftmals mit einer Aura von Exklusivität – die eigene Mini-Welt vor sich hertragend, in Anekdoten und Insider-Witzen versunken lassen sie die Außenwelt außen vor und sind somit insbesondere für interessierte Männer ein verstörender Anblick. Was passiert, wenn dann auch noch jeder Sinn für Vernunft und Anstand abhanden kommt, zeigt Vera Chytilovás Tausendschönchen, ein Klassiker der Tschechischen Neuen Welle, auf einzigartige Weise.

Marie I und Marie II saufen, schlemmen, nutzen systematisch Männer aus, kichern, was das Zeug hält, sind nervtötend, voller Energie und Vitalität und schrecken vor nichts zurück. Ihre Freude am Exzeß, an der Verschwendung und der Manipulation entspricht dem, was wir über 73 Minuten zu sehen bekommen: Der – völlig willkürlich scheinende – Wechsel von Schwarzweiß- zu Farbaufnahmen, von Formalismus über Surrealisums zu Dadaismus, ein rasantes Spiel mit Texturen, Farben, Tönen. Immer wieder beliebtes Instrument ist eine Schere, mit der Laken zerschnitten, Bilder ausgeschnitten, aber auch Bananen, Gurken oder Würstchen genußvoll »kastriert« werden.

Damit ist natürlich eine erste, feministische Lesart vorgegeben: Stereotype werden hier vergnüglich zur Schau gestellt und dann zerstört, wir sehen zwei hübsche, schlanke Frauen, die sich mit allem vollstopfen, was sie vorfinden, die wahre Essensschlachten miteinander veranstalten, ohne einen Hauch von schlechtem Gewissen. Als Collagefilm mit Happeningcharakter verweigert sich Tausendschönchen aber gleichsam einer allzu eindeutigen Auslegung, Experiment und Oberfläche stehen über klaren Statements oder psychologischer Figurenzeichnung. So wirken die beiden Maries wie überdrehte Marionetten, die jegliche Tiefe vermissen lassen, die Kamera gleitet verliebt Materialien und Texturen entlang, der Plot bleibt Nebensache, dagegen sprüht der Film vor Sinnlichkeit.

Welche der vielen Provokationen Anlaß dazu gab, daß Tausendschönchen zu Zeiten der ČSSR verboten wurde, bleibt Spekulation; umso schöner, daß dieser einmalig-faszinierende Film nun auch hierzulande auf DVD erhältlich ist. 2012-11-27 15:55

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap