— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

We Were Here

USA 2011. R,B: David Weissman. R,S: Bill Weber. K: Marsha Kahm. M: Holcombe Waller.
90 Min. Pro-Fun ab 22.6.12

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Trailer.

Schatten werfen keine Schatten

Von Philipp Fernandes do Brito Filme erzählen Geschichten. Sie imaginieren eine Welt in unserer Vorstellung und addieren Stück für Stück Teile zu einem Bild. Manche dieser Teile scheinen nicht für diese Welt bestimmt und verlassen sie wieder, obwohl sie als Erinnerung in unseren Gedanken bleiben. Schwächer und immer schwächer werdend bleiben sie als Schatten an einem Ort bestehen, an den sie kamen, um sie selbst zu sein. Einem Ort, der ihnen im Gegensatz zu den Plätzen, die sie verstoßen hatten und in die sie nicht zu passen schienen, nicht nur die gesuchte Freiheit bot, sondern durch sie zu leben begann.

Solch ein Ort war das San Francisco der 1960er Jahre. Mit seinem subkulturellen Zentrum in Vierteln wie Haight-Ashbury und vor allem The Castro, voll von Träumen, Hoffnungen und den Kindern der Love Generation, wie David, Paul, Ed, Guy und Eileen. Neben den Wünschen nach Freiheit, Glück, anderen Lebensformen und einem Zuhause war es vor allem die sexuelle Selbstfindung, die sie und andere hierhin zog und die die Castro Street als einen Platz für Menschen etablierte, die nicht in das sexuelle wie soziale Normbild des prüden »American way of life« der 1960er wie 70er Jahre paßten. Gemeinsam mit Harvey Milk, einem der frühsten Opfer der Intoleranz, schufen sie als Teil der politisch wie sozial wachsenden und sich etablierenden Gay Community »a village you always wanted«.

Mit Milk stirbt auch eine andere Illusion, die Illusion der freien Liebe. Die Imagination einer Welt ohne Leid. Es scheint beinahe, als erreichte man mit den 1980ern nicht nur eine wirtschaftliche Epoche, die einen wieder härter mit der Realität konfrontiert, sondern auch eine soziale. Partner, Freunde, Nachbarn, Verwandte, all sie beginnen vor dem Hintergrund einer vorerst namenlosen Epidemie zu erkranken und zu verschwinden. Obwohl nicht klar ist, vor was man eigentlich gewarnt wird, entstehen Dynamiken von Fragen und parallel zu ihnen Vorurteile, Ausgrenzung und Haß. Ein Haß, der sich ab 1981 mit dem Namen AIDS auch visuell manifestiert und sich gegen die zu Schatten Werdenden richtet. Im Stich gelassen von der Regierung und mit einer Machtlosigkeit, die nicht nur Familien und Angehörige befällt, sind es neben den »foodbanks« und »care programs« der Community vor allem Lesben, die schwule Selbsthilfegruppen unterstützen, Blut spenden und den Erkrankten wieder ein Stück Menschlichkeit und Wärme zurückgeben.

Was bleibt also, wenn die Schatten ihrer Endlichkeit doch entgegensehen müssen? – Hoffnung auf die Würdigung jedes Lebens. 2012-12-04 15:58

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap