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Der lange, heiße Sommer

The Long, Hot Summer. USA 1958. R: Martin Ritt. B: Irving Ravetch, Harriet Frank jr. K: Joseph LaShelle. S: Louis R. Loeffler. M: Alex North P: Jerry Wald Productions. D: Paul Newman, Joanne Woodward, Orson Welles, Anthony Franciosa, Lee Remick, Angela Lansbury, Richard Anderson u.a.
113 Min. Koch Media ab 3.8.12.

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: Englisch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Deutscher und englischer Trailer, Dokumentation, Newsreel von der Filmpremiere, Bildergalerie mit seltenem Werbematerial.

Der leise Schmerz des Abschieds

Von Carsten Happe Nicht William Faulkner, von dem die literarische Vorlage stammt und der die zeitgenössischen Filmplakate dominiert, nicht Regisseur Martin Ritt, der hiermit seinen ersten großen Hit verbuchen konnte, nicht einmal Hauptdarsteller Paul Newman, der für seine Rolle des Ben Quick in Cannes ausgezeichnet wurde, ist die größte Attraktion dieses flirrenden Südstaatendramas, sondern ein aufgedunsenes, streitsüchtiges Großmaul, das kurz zuvor eine erneute Demütigung von Hollywood hinnehmen mußte und bald wieder enttäuscht gen Europa davonziehen sollte: Orson Welles, Genie und Wichtigtuer, Urgewalt und auch fast zwanzig Jahre nach Citizen Kane eine der erratischsten Figuren des amerikanischen Films.

Seine letzte Regiearbeit Touch of Evil war gerade wie so vieles zuvor von den Studiobossen verstümmelt worden, sein Auftreten am Set von Der lange heiße Sommer brachte offenbar jeden der restlichen Crew und Darsteller auf die Palme. Welles ist verschwitzt, speckig und manchmal grotesk geschminkt, und doch dominiert er jede Szene, selbst wenn er nicht einmal körperlich präsent ist. Als Familienpatriarch Will Varner spielt er einen Charakter, der rund zwanzig Jahre älter sein sollte als Welles selbst zu dem Zeitpunkt, und man kann dies als erneute Spitze des Systems gegen den verlorenen oder ausgestoßenen Sohn lesen, der mit allem zu früh dran war: der Radiostar mit The War of the Worlds im Alter von 23 Jahren, das monolithische Hauptwerk Kane mit 25, der Fall vom Olymp nur zwei Jahre später. Mit 43 Jahre nun also der alte Südstaatengrantler, der vom blauäugigen Emporkömmling Newman herausgefordert wird und sein Imperium schwinden sieht. Ein fast prophetischer Abgesang, bevor Welles im Jahr darauf wieder in Spanien, Italien, Hong Kong vor der Kamera steht. Hauptsache, weit weg von Hollywood.

Nebenbei war Der lange heiße Sommer das perfekte Vehikel für eine von Hollywoods schönsten Romanzen. Paul Newman und Joanne Woodward kannten sich zwar bereits fünf Jahre, aber erst im Zuge dieses Films wurde publicityträchtig geheiratet und die beiden blieben für 50 (!) Jahre eines der Traumpaare der Traumfabrik. Daß die Chemie zwischen Newman und Woodward stimmte, merkt man auch diesem ersten von sieben gemeinsamen Filmen an – ihre unterkühlte, erwachsene Romanze unter den gestrengen Augen ihres Papas und seines Chefs fasziniert jenseits der üblichen, süßlichen Klischees.

Und doch liegt über allem der leise Schmerz des Abschieds und das unbestimmte Gefühl, daß hier eine Ära langsam aber stetig ausklingt. Der alte Süden, der klassische Hollywoodfilm, die Karriere des Orson Welles, alle kapitulieren schon bald vor den nahenden Sixties. Hier tanzen sie noch einmal, in De Luxe Farben und schönstem Cinemascope, einen langen heißen Sommer. 2012-12-20 16:39
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