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Symbol

Shinboru. J 2009. R,B: Hitoshi Matsumoto. B: Mitsuyoshi Takasu. K: Yasuyuki Tôyama. S: Yoshitaka Honda. M: Yasuaki Shimizu. P: Yoshimoto Kogyo Company, Phantom Film. D: Hitoshi Matsumoto, David Quintero, Luis Accinelli, Lilian Tapia, Adriana Fricke, Carlos C. Torres u.a.
89 Min. Rapid Eye Movies ab 7.9.12

Sp: Deutsch, Japanisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Trailer.

Penis galore

Von Werner Busch Der Himmel hängt voller… Pimmel. Und er ist quadratisch und weiß. An diesem merkwürdig-unirdischen Ort erwacht ein namenloser Mann im knallbunten Pyjama. Die Gemächte an den Wänden werfen auf sanften Druck Gegenstände in den Raum, jeder Penis einen anderen. Es gibt also einiges zu entdecken: Eßstäbchen, 3D-Brillen, Rollwagen, Vasen, Bonsai- Bäume, Massai-Krieger, Bälle, schließlich ist der Pimmel fürs Sushi gefunden. Einen großen Haufen Sushi hat der Mann im Pyjama schließlich vor sich liegen. Doch der Drücker für die Soja-Soße bleibt unentdeckt. Also würgt er die sichtlich leckeren, doch trockenen Stücke hinunter. Drei unglaublich lange, geschlagene Minuten beobachten wir ihn dabei. Für einen Nachschlag schnell nochmal den Sushi-Pimmel gedrückt: Puff! Es fällt eine Soja-Flasche in den Raum.

Der Comedian Hitoshi Matsumoto hatte 2007 mit Der Große Japaner – Dainipponjin ein leicht übersehbares Filmdebüt- Meisterwerk abgeliefert. Matsumoto ist ein komödiantischer Radikalinski, der seine besten Momente dann findet, wenn er die Grenzen des sicheren Terrains verläßt, und, kaum einen eigenen Boden etabliert, diesen sofort und geradezu selbstzerstörerisch über den Haufen wirft. Das kann für aufgeschlossene Gemüter faszinierend sein oder auch überfordernd. Dainipponjin formulierte bereits eine ungewöhnliche Art der Pointenfindung, die in Symbol nun bis zum dramaturgiestiftenden Exzeß getrieben wird. Das Geheimrezept heißt: maximales Retardieren bei möglichst simpler Pointe. Plus blöde Perücke auf dem Kopf.

Wie der Gag mit der Soja-Flasche erst durch die viel zu lang wirkende Vorbereitung seine Schlagkraft gewinnt, so ist auch der Film komponiert: Parallel zum Mann im Pyjama werden lange Szenen um einen mexikanischen Wrestler geschnitten, der ein stummes Frühstück einnimmt und sich dann auf seinen Abendkampf vorbereitet. Die zwei scheinbar gleichberechtigten Erzählfäden laufen auf genau eine einzige, simple Pointe hinaus. Doch die gewinnt eine unwahrscheinliche Schlagkraft genau dadurch, daß sie 70 lange Filmminuten vorbereitet wurde. Ein furioses Finale wird folgen. Grenzen brechend, dramaturgisch und inhaltlich, dabei aber kühl kalkulierend keine Plattitüde scheuend, ist Matsumoto der weltweit vielleicht am meisten übersehene Filmkomödiengroßmeister. Und Symbol eine weitere, überaus freche Visitenkarte. 2012-12-19 13:30

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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