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Oslo, 31. August

Oslo, 31. august. N 2011. R,B: Joachim Trier. B: Eskil Vogt. K: Jakob Ihre. S: Olivier Bugge Coutté, Gisle Tveito. M: Torgny Amdam, Ola Fløttum. P: Motlys, Don’t Look Now. D: Anders Danielsen Lie, Hans Olav Brenner, Ingrid Olava, Kjærsti Odden Skjeldal, Emil Lund, Malin Crépin, Andreas Braaten u.a.
90 Min. Soda Pictures ab 26.3.12

Sp: Norwegisch (DD 2.0). Ut: Englisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Trailer.

Am Ende

Von Sascha Ormanns Bereits 2006 hat der norwegische Regisseur und Drehbuchautor Joachim Trier mit seinem Spielfilmdebüt Auf Anfang den Grundstein für seinen zweiten, 2011 veröffentlichten Film Oslo, 31. august gelegt. Schon damals behandelte er die Themen Liebe, Freundschaft und Identitätssuche mit einer hintergründigen Melancholie, der er jedoch eine filmische Experimentierfreude entgegensetzte, die die Grenze zwischen Filmrealität und -fiktionalität verschwimmen ließ und von einer optimistischen Grundhaltung geprägt zu sein schien. Eine Grundhaltung und Aufbruchstimmung, die auch einen Großteil der Figuren auszeichnet.

Oslo, 31. august hingegen ist ein pessimistisches Psychodrama, das einerseits eine Stadt portraitiert, andererseits jedoch überwiegend von dem 34jährigen Anders erzählt, der das Glück suchte und es einzig und allein im Heroin fand. Jetzt steht er kurz vor seiner Entlassung aus einer Entzugsklinik und empfindet nach eigenen Angaben überhaupt nichts mehr: weder in die eine noch in die andere Richtung. Joachim Trier beschränkt den Handlungsraum seines Protagonisten auf einen Tag, zeigt ihn bei dem Versuch, seine Hoffnung wiederzufinden. Sei es in Gesprächen mit Freunden oder bei einem Vorstellungsgespräch, um an seine erfolgreiche Karriere, die als Journalist einst vor ihm lag, anzuknüpfen. Anders scheint jedoch schon zu weit entrückt: In einer äußerst bewegenden und ehrlichen Szene spricht er über wiederkehrende Suizidgedanken und kommt allen Aufmunterungsversuchen zuvor, wenn er ironisiert: »It’ll get better. It’ll all work out.« Um nach kurzer Pause traurig-ernst fortzufahren: »Except it won’t.«

Triers Film ist zu jeder Zeit und im höchsten Maße einfühlsam und von einer ruhig-präzisen Erzählhaltung geprägt, die für das unglaublich ergreifende und einschlagende, weil einzig mögliche Ende absolut notwendig erscheint. Die intime Handkamera und die sehr lebensechten und nie geschrieben wirkenden Dialoge erzeugen eine faszinierende Natürlichkeit, die die Abwärtsspirale, in der sich der Protagonist befindet, nur umso schwerer zu ertragen macht. Hauptdarsteller Anders Danielsen Lie gelingt es auf grandiose Weise, aus einer anfangs unnahbaren, eine sympathische, ambivalente und differenzierte Figur zu entwickeln, deren verstörende Gefühlswelt von Minute zu Minute nachvollziehbarer wird. 2012-12-27 15:40

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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