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1. April 2000

Ernst Kieninger/Nikola Langreiter/Armin Loacker/Klara Löffler (Hrsg.): 1. April 2000. Wien 2000. Filmarchiv Austria. 379 S.
Von Manuela Brunner Propagandafilme müssen schweigen, weiße Flecken auf ihrer Landkarte lassen. Denn das, was propagiert wird, muß ja gut aussehen. Wie wäre es doch unpassend, wenn in Casablanca oder in Why We Fight irgendetwas vorkäme, was das ganze Konzept umwürfe und die Quelle der Propaganda schlecht aussehen ließe. Die Geschichte der Sklaverei in den USA zum Beispiel. Das Gedächtnis teilweise zu verlieren, war schon immer praktisch, um für seine Sache zu argumentieren, und diese Kunst wird heute immer noch und mit viel Liebe in jeglicher Politik gepflegt. Ein Geruch von Salami liegt in der Luft.

Der 1. April 2000, der sogenannte »Österreich-Film« von 1952, macht so viel Spaß, weil er diesen Gedächtnisverlust ausstellt wie Wien seine Baudenkmäler – wie da die Geschichte Österreichs abgerollt wird und zwischen Kaiser Franz-Joseph und dem 1. April 2000 ein Loch klafft, das mit keiner Nadel der Welt zu stopfen ist: Das ist ein Fest für den Medienwissenschaftler, und mit wirklicher Freude und großem Elan geht ein interdisziplinär besetztes Team daran, an den Rändern dieses Lochs zu zupfen, ein bißchen Produktionsgeschichte hier, ein wenig Rezeptionsanalyse da.

So beschwingt und leicht das auch klingen mag: Ernsthaft gearbeitet haben sie alle, die da zwischen zwei Buchdeckeln und zwischen Barbara Fremuth-Kronreif und Armin Loacker versammelt sind. Aber daß sie alle einen pfundigen Spaß dabei hatten, sich mit diesem Schmuck-Kasterl der Österreich-Klischees voll kleiner Schmankerl und großer 50er Jahre-Stars auseinanderzusetzen, kann keiner bezweifeln. Genüßlich wird der Film von allen Seiten auseinandergefaltet und gleicht am Ende einem sehr unösterreichischen Ding: einem Origami-Papier, das einst eine Lotusblüte war und jetzt ein faszinierendes Linienmuster zeigt. 1970-01-01 01:00

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