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Identität und Spektakel

Anja Peltzer: Identität und Spektakel: Der Hollywood-Blockbuster als global erfolgreicher Identitätsanbieter. Konstanz 2011. UVK Verlag, 240 Seiten. 29,00 Euro

Wer bin ich – und wenn ja, Jack Sparrow, Harry Potter, Spider-Man oder Manny das Mammut?

Von Michael Wedel Wer denkt, Hollywood-Blockbuster bieten lediglich Erlebnisse an, kann sich von Filmsoziologen eines Besseren belehren lassen. Nicht nur ein schöner, spektakel- und special-effects-geladener Abend steht auf dem Spiel, es geht immer auch darum, wer wir sind bzw. sein wollen. Daß diese Identitätsangebote heutzutage in der Luxusklasse des weltweit operierenden und rezipierten Kommerzkinos nicht mehr notwendig kulturell verankert oder gar national spezifisch sind, sondern global funktionieren, ist, kurz und umgangssprachlich gefaßt, die Ausgangsthese des Buches von Anja Peltzer. Es strotzt nur so vor »Protokollierungs-«, »Codierungs-«, und »Triangulations-«Systematik, begeht dabei jedoch nicht den Fehler vergleichbarer filmsoziologischer bzw. kommunikationswissenschaftlicher Untersuchungen, die »ausgewerteten« Filme in ihrem ästhetischen Eigenwert unzulässig zu verkürzen (»Inhaltsanalyse«!) und unter einem Gewimmel von Zahlen, Statistiken und prozentualen Meßwerten zu beerdigen.

Am Beispiel der weltweit jeweils drei größten Kassenhits der Jahrgänge 2005 (Pirates of the Caribbean: Dead Man's Chest, The Da Vinci Code, Ice Age: The Meltdown) und 2006 (Harry Potter and the Order of the Phoenix, Pirates of the Caribbean: At World's End, Spider-Man 3) gelingt es Peltzer vielmehr, auf differenzierte, plausible und über weite Strecken auch äußerst lesbare Weise, einen umfassenden Eindruck davon zu vermitteln, wie in Hollywoods Spitzenproduktionen Selbstentwürfe und Identitätsprobleme verhandelt werden. Dazu entwickelt sie unter dem Siegel der reflexiven Spätmoderne zunächst einen Identitätsbegriff, der dynamisch, sozial und kommunikativ ausgerichtet ist. In ihrer Analyse werden die erwähnten Filme dann auf Schlüsselszenen hin betrachtet, in denen sich die Identitätsnarrationen der ausnahmslos männlichen Protagonisten im Hinblick auf vier Kriterien verdichten lassen: der Etablierung eines »inneren« bzw. »mentalen« Raums, der Funktion von Spezialeffekten, der Inszenierung des sozialen Umfelds als »Identitätsensemble« und der Konstruktion von »Patchworkidentitäten«, die an die Stelle überkommener familiärer Strukturen treten (bemerkenswert ist hier aus soziologischer Sicht allein schon der Umstand, daß sämtliche Helden der genannten Filme entweder Vollwaisen oder auf andere Art Residuen dysfunktionaler Familien sind).

Auf der am Ende erfolgreichen Suche nach neuen »Wahlgemeinschaften« gilt für das »Identitätsprojekt made in Hollywood«, daß kollektives Engagement und expressive Individualität keine Gegensätze, sondern sich aufs Schönste ergänzende Zwillingsszenarios gelingender Selbstverwirklichung darstellen. Die Autorin sieht zwar im Vergleich zu den Blockbustern der 1980er Jahre einen größeren Spielraum an möglichen »identitären Facetten«, verschweigt aber keineswegs, daß man es auch heute noch mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner eines »politischen Sowohl-als-auch-Habitus« zu tun hat, der »soziale Anpassungsprozesse als Heldentaten« inszeniert. Gerade hierin liege aber die globale Anschlußfähigkeit der Blockbuster-Formel begründet: Politische Beliebigkeit und kulturelle Universalität sind zwei Seiten derselben klingenden Münze, die mit den Großproduktionen verdient wird.

Wenn die in allen Belangen überzeugende und vor allem im filmanalytischen Teil zuweilen bestechende Studie überhaupt noch Fragen offen läßt, dann vielleicht die nach denjenigen, die diese Münze an internationalen Kinokassen regelmäßig entrichten. Obwohl Anja Peltzer mehrfach darauf hinweist, daß die angebotenen Figurenidentitäten in der filmischen Inszenierung zwar angelegt sind, letztlich aber erst in dann doch wieder kulturell spezifischen Rezeptionsakten ausgehandelt und anverwandelt werden, bleibt das Publikum im Rahmen ihrer Diskussion ein weißer Fleck, gleichsam die unsichtbare Leinwand, auf die diese Studie – ganz wie die in ihr besprochenen Filme – ihre Identitätskonstruktionen projiziert. Konkretes Rezeptionsverhalten läßt sich zwar, zumal im globalen Maßstab, nur schwer fassen, zumindest Hinweise etwa aus dem seit 2008 abgeschlossenen internationalen Forschungsprojekt zur weltweiten Rezeption von The Lord of the Rings (2001-2003) hätten jedoch durchaus einige Aufschlüsse geben können. 2011-05-20 12:53

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