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Die läufige Leinwand

Christian Keßler: Die läufige Leinwand: Der amerikanische Hardcorefilm von 1970 bis 1985. Berlin 2011. Martin Schmitz, 280 Seiten. 29,80 Euro

Generation X

Von Carsten Tritt Keßlers Liebe gilt seither den filmischen Blümchen, die abseits ausgetretener Pfade wachsen, und so ist es nur eine mittlere Überraschung, wenn er sich nun auch dem amerikanischen Pornofilm widmet und diesen ganz unvoreingenommen und jenseits jeglicher Genderdebatte zunächst als Unterhaltungsfilm sieht.

Auf den ersten Blick funktioniert »Die läufige Leinwand« als klassischer Filmführer, in welchem sein Autor über einhundert Filme vorstellt, die ihm erwähnenswert erscheinen. Grundlage von Keßlers Auswahl ist dabei mitnichten allein der vordergründige pornographische Reiz. Er sucht – und findet – stattdessen erstaunliche Beispiele filmischen Anarchismus oder künstlerischer Höhenflüge von ambitionierten Filmemachern, die zum Ziel hatten, mehr abzuliefern als eine bloße bewegtbebilderte Wichsvorlage. Sein Buch ist deshalb zwangsläufig auch zum großen Teil Grundlagenarbeit, denn merkwürdigerweise ist der Porno, sofern überhaupt in Augenschein genommen, in der Regel Objekt der Verachtung bzw. Belustigung als vermeintlicher Filmmüll oder Gegenstand filmsoziologischer Begutachtung. Daß das an sich Selbstverständlichste, nämlich ihn zunächst als reinen Film ernstzunehmen, Keßler schon zum Pionier werden läßt, kann man dem Buchautoren kaum vorwerfen, vor allem angesichts der Tatsache, wie herausragend er diese Aufgabe meistert. Und daß dann doch manche filmische Gegenstände der Belustigung dabei sind, ist ihm nicht zu verübeln, zumal Kessler es gelingt, sich auch diesen Werken kunstvoll, ohne krampfhaft in die Knie zu gehen, auf Augenhöhe zu nähern.

Für den durchschnittlichen Leser wird »Die läufige Leinwand« in der Regel ein Buch über ungesehene Filme sein, es beschäftigt sich schließlich mit häufig in Vergessenheit geratenen, nur schwer erhältlichen Werken, und selbst die vorgestellten Klassiker sind eben nur solche des Genres und sind mangels gegenwärtiger Massentauglichkeit auch nicht mehr über einschlägige Erwachsenenvideotheken erhältlich. Dem Autoren gelingt es allerdings, durch seinen lockeren Erzählstil auch den Leser durch Vorstellung von Filmen, die dieser vermutlich nie in seinem Leben sehen wird, nicht nur zu informieren, sondern auch zu unterhalten und neugierig zu machen.

Um die Verläßlichkeit der Aussagen des Autoren zu überprüfen, liegt zuerst natürlich der Vergleich der Bewertungen Keßlers zu den mir bereits bekannten Filmen nahe, was, wie ich gestehen muß, schätzungsweise nur knapp fünf Prozent der vorgestellten Pornos waren. Aber auch hier gelang es mir nicht, Keßlers Fachkompetenz zu widerlegen: Though the Looking-Glass (Jonas Middleton, 1976) hält Keßler zwar für ein Meisterwerk, während ich ihn eher bemüht und im Ergebnis anstrengend fand. Keßlers Argumentationslinie ist allerdings schlüssig und kundig, und auch wenn wir nicht zum selben Ergebnis kommen wollen, ist an seinem Verständnis des Films ebenso wenig auszusetzen, wie etwa bei dem tatsächlichen Meisterwerk Behind the Green Door (Jim und Artie Mitchell, 1972), dessen großartige Inszenierung von Keßler vortrefflich gewürdigt wird, oder bei den bemerkenswerten, wenn auch nicht völlig gelungenen Roommates (Chuck Vincent, 1982) und The Devil in Miss Jones (Gerald Damiano, 1972; hier verwechselt Keßler offenbar einmal die Begrifflichkeiten »Fegefeuer« und »Hölle« bzw. drückt sich zumindest mißverständlich aus, was aber der einzige erwähnenswerte Schnitzer im Buch bleibt und vermutlich mit der Herkunft des Autors aus einer protestantischen Hansestadt zu entschuldigen ist).

Dankenswerterweise begnügt sich Keßler in der Regel nicht mit der bloßen Beschreibung der Filme, sondern sucht nach Möglichkeiten, auch die Umstände ihrer Entstehung zu klären und sie in nachvollziehbare Kontexte einzuordnen. Unterstützt wird dies durch zehn über das Buch verteilte Interviews mit Produzenten, Regisseuren und Darstellern, jeweils eingeleitet durch einen kurzen einführenden Vorstellungstext zum Interviewpartner und zu seiner Bedeutung für das Genre. In den Interviews macht es Keßler dann auch richtig und nimmt sich (im Gegensatz vor allem zu einigen Filmtexten) vornehm zurück, um sein Gegenüber möglichst viel und interessant erzählen zu lassen.

Hauptaugenmerk von Keßlers rundum gelungenen Buch sind vor allem die Filme der 1970er, während seine Beschreibung der Zeit bis 1985 mehr als Ausklang wirkt. Folgerichtig ist der letzte Film in seinem Buch New Wave Hookers (Gregory Hippoyte, 1985), also jener Film, der als Wegweiser des Übergangs vom auf Filmmaterial gedrehten Porno zum Videoporno gilt, und zu dem Kessler einräumt, daß dies dann doch nicht mehr seine Sache ist (vgl. hierzu auch Ralf Möller in Schnitt Nr. 10, S. 26; irgendjemandem muß dabei auch der Film gefallen haben, denn ich erinnere mich noch, daß damals, kurz nach der gemeinsamen Sichtung in der Schnitt-Redaktion, die Videocassette plötzlich unauffindbar verloren war). 2011-07-15 12:53

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