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Die Jerry-Cotton-Filme

Joachim Kramp, Gerd Naumann (Hg.): Die Jerry-Cotton-Filme – Als Jerry Cotton nach Deutschland kam. Stuttgart 2011. ibidem-Verlag. 242 Seiten. 24,90 Euro.

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Von Oliver Baumgarten In der Geschichte des jüngeren deutschen Films gibt es eine ganze Reihe interessanter Phänomene, die noch viel zu wenig aufgearbeitet scheinen. Dazu gehört beispielsweise jene Phase Ende der 1960er Jahre, als die deutsche Filmproduktion noch echte Filmindustrie war und in größter Not um ihr schwindendes Kinopublikum kämpfte. Die Mechanismen, die jene traditionellen Produktionsfirmen von der CCC-Filmkunst und Rialto Film bis hin zu Lisa Film und Allianz Film entwickelten, um immer neue Erzählmotive zu finden, mit deren Filmvarianten dann die Kassen weiter klingeln mochten, waren geprägt von einem atemlosen Wettbewerb, wie er seitdem in Deutschland nicht einmal im Formatbereich der privaten Sender mehr zu erleben war. Es herrschte ein ständiges Wettrennen, zuerst um geeignete Stoffe, Vorlagen und Figuren sowie anschließend dann um die wenigen wirklich erprobten Unterhaltungsprofis des Landes, die daraus serienreife Hits stricken sollten. Das hektische Treiben der deutschen Filmindustrie in den späten 60er Jahren: Es war das letzte trotzige Aufbäumen einer kaum eine Dekade zuvor noch blühenden Unterhaltungsbranche.

Es gibt Momente in dem von Joachim Kramp und Gerd Naumann herausgegebenen Band über die Jerry-Cotton-Filme, die genau dieses Phänomen, die genau diese Atmosphäre in sehr gelungener Weise nachzeichnen. Die mit George Nader in der Titelrolle besetzten Filme, die zwischen 1965 und 1969 in Deutschland entstanden, sind nämlich bester Ausdruck eben jener panischen Zeiten des deutschen Unterhaltungsfilms. Für seine Einführung hat Joachim Kramp die Produktionsbedingungen und -umstände für jeden dieser acht Filme recht kleinteilig recherchiert und vermittelt gerade damit einen äußerst treffenden Eindruck dessen, wie eine solche Serie, die nach sieben Ausgaben rund 14 Millionen Besucher in vier Jahren zählte, kühl kalkuliert und bei steter Beobachtung der Konkurrenz entstanden ist. Diese Einführung, »Die Geschichte der Jerry-Cotton-Filme«, ist das Herzstück des Buches und bietet die Grundlagen, um die darauf folgenden Beiträge richtig einzuordnen. Die nämlich greifen einzelne Aspekte der Reihe heraus, deren Auswahl man willkürlich nennen kann, deren Fokus aber konsequent die beschriebene Perspektive ergänzt und bereichert. Interviews beispielsweise mit George Nader selbst, geführt im Jahre 2000, mit dem ziemlich legendären Lisa-Film-Kameramann Franz Xaver Lederle sowie mit dem Komponisten des so einprägsamen »Cotton-Marsches«, Peter Thomas, richten sich stark darauf, dem Produktionsalltag jener Zeit nachzuspüren.

Daß ein zweiter Schwerpunkt des Buches sich in mehreren Beiträgen, darunter weitere Interviews mit Produzent Christian Becker und Komponist Helmut Zerlett, auch dem Jerry-Cotton-Film von 2010 widmet, wäre also in dieser Breite gar nicht wirklich nötig gewesen. Zumal sich der vergleichende Aspekt doch sehr in Grenzen hält. Matthias Künneckes an sich interessanter Aufsatz »Behauptete Orte« etwa über die Bemühungen der 60er-Jahre-Verfilmungen, St. Pauli wie Brooklyn aussehen zu lassen, hätte hier beispielsweise den Bogen eindeutig zur 2010er Fassung schlagen müssen, deren größte handwerkliche Stärke ja eindeutig darin liegt, die Handlung in perfekte New-York-Bilder zu betten, die ebenfalls komplett in deutschen Studios und Kulissen erschaffen wurden. Stellenweise scheint hier also ein Potenzial nicht ganz ausgeschöpft. Gipfelnd in dem nützlichen Appendix aus Kurzbiographien, Filmographien und Filmfakten am Ende des Buches, bildet der schwarzweiß illustrierte Band aber dennoch einen spannenden Beitrag für all jene, die an den Mechanismen des einstigen deutschen Unterhaltungsfilms interessiert sind. 2011-07-22 09:01

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