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Künstler im Big Apple

Sven Weidner: Künstler im Big Apple. Die filmische Darstellung von Künstlern in New York City im Spiel- und Experimentalfilm. Eine Annäherung. Stuttgart 2011. ibidem-Verlag, 220 Seiten. 34,90 Euro

Nackenstarre

Von Arezou Khoschnam Auch wer noch nie in New York gewesen ist, weiß um die berühmte Nackenstarre, die angesichts der megalomanischen Architektur bei jedem einsetzt, der die Stadt zum ersten Mal besucht. Auch ein jeder weiß, daß New York nicht nur im Bereich der Baukunst, sondern auch auf allen anderen künstlerischen Gebieten viel anzubieten hat und deshalb weltweit den Status einer Kunst- und Kulturmetropole genießt. Bei jedem weiteren Besuch allerdings nimmt dieses Staunen, das zunächst von einem weit geöffneten Mund begleitet wird, in der Regel ab – oder sollte es zumindest – und ermöglicht einen genaueren Blick auf und hinter die Glitzerfassade von New York. Wenn man »Künstler im Big Apple – Die filmische Darstellung von Künstlern in New York City im Spiel- und Experimentalfilm« liest, kann man sich jedoch nicht des Eindrucks erwehren, daß der Autor sich noch immer in der Phase der huldigenden Nackenstarre befindet.

In dieser Ausgangsposition, so scheint es, hat Sven Weidner seine Arbeit geschrieben, mit der er den Anspruch auf eine filmwissenschaftliche Studie erhebt. Bevor er auf drei ausgewählte Filmbeispiele eingeht, steht als erstes New York als kulturelles Zentrum in den letzten gut einhundert Jahren im Mittelpunkt. Dieses Kapitel liest sich wie ein Künstlerportrait, besser gesagt wie ein Starportrait über New York, das zwar die inspirierenden sowie destruktiven Seiten dieser Stadt beleuchtet, diese jedoch insgesamt in ein unnötig euphemistisches Licht hüllt. Spätestens dann, wenn Weidner im Vergleich mit der Westküsten-Filmmetropole Hollywood die Vormachtstellung New Yorks betont und dem Big Apple prognostiziert, daß er wider aller Konkurrenz seinen Status als schillernde Blüte des Kontinents beibehalten wird, übertritt er die objektiven Grenzen einer wissenschaftlichen Arbeit. Dies manifestiert sich auch in der Sprache, die zumeist aus Endlos-Aufzählungen und teilweise plakativen Formulierungen besteht.

In den folgenden zwei Kapiteln reduziert Weidner glücklicherweise den einseitigen Charakter seiner Arbeit, wenn er sich mit den Strömungen »New American Cinema« und »New Hollywood« befaßt, wenngleich er nach wie vor zu wenige Quellen heranzieht. Diese historischen Abrisse geben durch diverse aufgeführte Filme einen informativen Überblick über die filmischen Entwicklungen von den 1960ern bis in die 1980er Jahre hinein. Weiter geht es mit Künstlerfiguren im Film und dem Blick des Künstlers auf New York City. Hierunter zeichnet der Autor die gesellschaftliche Stellung des Künstlers von der Renaissance bis heute und den sich im Laufe der Epochen verändernden Künstlermythos nach. Diese Darstellung gerät leider zu kurz, vor allem, wenn man bedenkt, daß sie als Basis für die Analyse der Künstlertypen in den drei anschließenden Filmbeispielen fungiert.

Während sein bewundernder Blick auf New York ihm bislang über weite Strecken nur eine oberflächliche Perspektive ermöglicht, schafft es Weidner, bei seiner Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Künstlercharakteren aus den Filmbeispielen die Oberfläche kurzzeitig hinter sich zu lassen. Die Passagen über Andy Warhols Screen Tests (1963-66), John Cassavetes’ Opening Night (1977) und Martin Scorseses Life LessonsZ (1989) verleihen seiner Arbeit erstmals eine vielschichtige, wenn auch sehr subjektive Note.

Aller Kritik zum Trotz bietet Weidner mit diesem Buch einen interessanten ersten Einblick in das vorgestellte Thema, das er den potentiellen Lesern locker aufbereitet und leicht zugänglich präsentiert. Um die letzten Worte in seinem Epilog aufzugreifen, ist New York mit all seinen Ambivalenzen für den Künstler immer auch Ansporn geblieben, der Stadt zu huldigen. Das ist Weidner definitiv gelungen. 2011-10-28 13:36

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