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Das chinesische Kino nach der Kulturrevolution

Karl Sierek, Guido Kirsten: Das chinesische Kino nach der Kulturrevolution. Theorien und Analysen. Marburg 2011. Schüren Verlag, 456 Seiten. 38,- Euro

Schattentheater

Von Nicole Ribbecke Trotz längst etablierter Einbettung in das transnationale Festivalgeschehen bleibt festlandchinesisches Filmschaffen, im Gegensatz zu der Kinematographie Taiwans und Hong Kongs, ein hierzulande bisher nur spärlich erkundetes Feld. Insofern stellt die vorliegende Publikation der Zürcher Filmstudien, ganz im Sinne der Herausgeber, tatsächlich eine Pionierarbeit dar.

Dies ist weniger der Aktualität geschuldet, einige der Beiträge liegen hier schlicht in verkürzter oder bearbeiteter Version vor, vielmehr wird hier zu Gunsten einer filmwissenschaftlichen Gesamtperspektive aus einer unvergleichlichen Fundgrube an kulturtheoretischer und filmästhetischer Provenienz geschöpft. Filmgelehrte aus West und Ost tummeln sich als divergente Wissenschaftskulturen auf einer noch weitestgehend unerforschten Spielwiese kunstwissenschaftlicher Überblicke, übergreifend historischer Darstellungen und detaillierter Analysen einzelner Werke. Gemeinsames Ziel ist eine Annäherung an den spezifischen Kinomodernismus in China.

Die Herausgeber kündigen somit zu Recht keinen homogenen Textkorpus an, sondern stellen sich in den Dienst der Vielfältigkeit unterschiedlicher Diskursformen, die wiederum der Diversifizierung chinesischer Filmproduktion, seit dem Nachlassen des staatlichen Produktionsmonopols, Rechnung trägt. Dieser Heterogenität ist es geschuldet, daß zwischen den teils allzu theoretischen, meist aus westlicher Feder stammenden, Abhandlungen, nahezu »blumig« formulierte und meist erstmals in deutscher Sprache vorliegende Stimmen aus der Volksrepublik zu Wort kommen. Mag die eine oder andere Passage dem deutschen Leser konfus erscheinen, so sind es doch gerade diese Beiträge, die zu einem tieferen Verständnis der visuellen Tradition Chinas und deren Einfluß auf bildkompositorische Verfahren beitragen.

Gleichzeitig wird uns hier von chinesischer Realität erzählt und diese wird hier immer verbunden mit dem subkutan wirkenden Erbe. Weit wird ausgeholt vom animistisch-animierten Schattenspiel als eines der ersten proto-kinematografischen Verfahren, über den klassischen chinesischen Gartenbau, von der Geschichte der Kolonialzeit zu den Unruhen der Kulturrevolution, um letztendlich zum Postmodernismus und darüber hinaus zu gelangen. Angesichts dieses uneinheitlichen Konglomerats an Filmhistoriografie darf die stark redundante Geschichtsdarstellung wohl kaum kritisiert werden und auch das Beibehalten der Generationeneinteilung, wenn diese auch oft ungenügend scheint, kann des Verständnisses halber nur begrüßt werden. Die Gegenüberstellung des Narbenfilms der ›Vierten‹ Generation, zur filmpolitischen Guerillataktik der ›Fünften‹ Generation, der strukturellen Depotenzierung der narrativen Instanz der ›Sechsten‹ Generation sowie dem Widerstand gegen repressive Aspekte des Maoismus und die institutionalisierte Ideologie der Neuen Dokumentarfilmbewegung enthüllen nicht allein die allmähliche Befreiung aus den normativen Vorgaben einer hegemonialen Bestimmung, sondern zeigen sporadisch auch mal das genaue Gegenteil: die immer noch währenden Restriktionen eines dreigliedrigen Zensursystems, genauso wie die Möglichkeit avantgardistischer Projekte mithilfe staatlicher Finanzierung.

Es ist die einheimische Sichtweise, die uns hier ein spezifisches Filmschaffen über Kultur- und Mentalitätsgrenzen hinaus erklärt und genau das ist die Qualität dieses Buches. Von der Kenntnis zentraler Konzepte des Konfuzianismus abgesehen, obwohl es keiner chinesischen Farbenlehre bedarf, um die Farbe Rot mit sexuellem Verlangen oder blutigem Tod zu assoziieren, finden wir hier außerdem eine schier unerschöpfliche Schar an Filmtiteln, abseits des Martial-Art-Mainstreams, zusammengetragen.

Wenn Hu Ke in seinem Beitrag behauptet, daß wissenschaftliche Untersuchungen der Beziehungen zwischen Film und Gesellschaft Veränderungen bewirken können, so ist genau dies die Intention der Herausgeber. Angesichts der Beobachtung eines wachsendes Interesses an China und zunehmender wirtschaftlicher und kultureller Verflechtungen mit Deutschland möchten sie einen Beitrag zum transkulturellen Dialog leisten. Dieses wahrlich noble Ziel mag dann aber doch etwas hoch gegriffen sein. 2012-03-23 16:26

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