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Filmsemiotik

Dennis Gräf, Stephanie Großmann u.a. (Hg.): Filmsemiotik. Eine Einführung in die Analyse audiovisueller Medien. Marburg 2011. Schüren, 400 Seiten, 29,90 Euro

Erklär mir die Liebe

Von Maxi Braun Im Vorwort zur deutschen Neuauflage von André Bazins Werk »Was ist Film?«, berichtet Tom Tykwer, wie er fast an der Liebe zu einer Frau verzweifelte, die das Kino verachtete. Durch den Wunsch, das Objekt der Begierde doch noch für die eigene Leidenschaft für Filme wie Wilde Erdbeeren oder 8 ½ begeistern zu können, gelangte er aus Erklärungsnot zur Filmtheorie: »Ich liebte diese Filme, wußte aber eigentlich nicht, warum.«

Dieser Wunsch, Filme zu verstehen und euphorische Begeisterung fundiert und nachvollziehbar belegen und vermitteln zu können, scheint auch das Autorenkollektiv von »Filmsemiotik. Einführung in die Analyse audiovisueller Formate« geleitet zu haben. Anders als der Titel suggeriert geht es neben einigen Abstechern zu Musik- und Werbeclips sowie in die Fernsehwelt hauptsächlich um den Film als Gegenstand wissenschaftlicher Analyse. Das Fundament ist dabei weniger eine die Perspektive bestimmende konkrete Theorie oder ein spezieller methodologischer Ansatz. Vielmehr werden verschiedene Herangehensweisen einbezogen, diskutiert und vernetzt, um ein möglichst vielschichtiges und dennoch exemplarisches Bild filmischer Bedeutungsgenerierung und Wirkung ebenso zur Verfügung zu stellen wie einen Handwerkskasten an Vokabular. Ausgangspunkt der Autoren, die aus verschiedenen akademischen Disziplinen sowie dem praktischen Filmhandwerk stammen, bildet demnach nicht ein theoretischer Ansatz allein.

Generell vermögen Namen wie Ferdinand de Saussure, Charles Sanders Peirce oder Christian Metz wohl nur hartgesottenen Semiotikern die Freudentränen in die Augen zu treiben. Wer sich bisher mit der Filmsemiotik von Grund auf beschäftigen wollte, hatte neben Lexika mit Abrißcharakter keine andere Wahl, als sich mit Metz oder Umberto Eco auseinanderzusetzen, die ebenso komplex erscheinen, wie der filmische Text an sich und zudem von einem festgelegten und somit eingrenzenden Standpunkt her argumentieren. Mit »Filmsemiotik« liegt nun ein verständliches, an der Basis beginnendes und dennoch auf hohem wissenschaftlichem Niveau geschriebenes Nachschlagewerk vor.

Der logische Aufbau dieses klug durchdachten und insgesamt in fünf große Kapitel untergliederten Kompendiums bündelt einen verständlichen Katalog von Begriffen und Konzepten, die mit äußerst abwechslungsreichen Beispielen und Screenshots illustriert werden und Lust machen, sich dezidiert mit dem Medium auseinanderzusetzen.

Im ersten Teil werden filmsemiotische Grundlagen und -begriffe kurz und prägnant vermittelt, die sich nicht nur auf Film, sondern auf künstlerische bzw. kulturelle Texte im Allgemeinen beziehen. Termini wie Denotation, Diegese oder semantische Relationen werden einleuchtend definiert. Einzig die Unterscheidung von »Discours« und »Histoire« hätte durch ihre Schnittmenge mit dem englischen Begriffspaar »plot« und »story«, auf dessen synonymen Charakter im weiteren Verlauf verwiesen wird, deutlicher erläutert werden können.

Der zweite Teil widmet sich den Parametern der Darstellungsweise, also den filmsprachlichen Mitteln, mit deren Hilfe innerhalb des Zeichensystems Film Bedeutungen generiert werden. Die Rolle, die hierbei verschiedene Einstellungsgrößen, Mise en scène, Montage oder Kamerabewegung spielen, wird ebenso anschaulich dargestellt wie die Konzeption der filmischen Wirklichkeit im Folgekapitel. Diese konzentriert sich auf Aspekte wie Raum, Figuren und Körper oder die auditive Ebene. Abwechslungsreich wirkt dabei die Hinzuziehung heterogener Beispiele, die sich sowohl aus dem Repertoire der großen Klassiker, als auch aus der Fernsehlandschaft speisen. Erfrischend, daß Werbespots, die Filme Sergej Eisensteins, Tanz der Teufel oder der Tatort unverkrampft und ohne hierarchisierende Ordnung als legitime und wertvolle Analyseobjekte in Betracht gezogen werden. Das folgende Kapitel zum filmischen Erzählen setzt sich mit narrativen Strukturen des Films auseinander und bezieht somit die erst seit den 1980er Jahren etablierten Teilbereiche der Filmsemiotik mit ein.

Der abschließende Teil bietet Tips zu einem möglichen Einstieg in die Analyse und bindet das zuvor Behandelte dadurch sinnvoll in den Kontext der praktischen Forschung ein.

Insgesamt animiert »Filmsemiotik« dazu, die Strukturen und Wirkungsweisen von Filmen und audiovisuelle Medien zu hinterfragen und so ein tieferes Verständnis über den jeweiligen Text zu erlangen, wodurch endlich ein sinnvoller Beitrag zur so oft geforderten Medienkompetenz geleistet wird. Der wissenschaftliche Duktus, der das Buch in Sprache und Aufbau prägt, macht »Filmsemiotik« dennoch nicht nur den Fans der Zeichenlehre zugänglich. Auch Studenten der Filmwissenschaft oder privat ihrer Passion frönenden Cineasten wird dieses Buch hervorragende Dienste leisten und hat darüber hinaus das Potential, in jeder medienwissenschaftlichen Fakultätsbibliothek zum Standardwerk zu werden. Vielleicht wird durch die Lektüre nicht wie im Falle Tom Tykwers eine romantische Liebe, sondern vielmehr die Liebe zum Medium Film gerettet und vertieft. Bei vielen von uns aber immerhin eine Liaison mit dem Potential für eine lebenslange Bindung. 2012-05-18 10:28

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