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Screen Dynamics

Gertrud Koch, Volker Pantenburg und Simon Rothöhler (Hg.): Screen Dynamics. Mapping the Borders of Cinema. Wien 2012. FilmmuseumSynemaPublikationen, 184 Seiten, 20,00 Euro

Wo ist Kino?

Von Stefan Jung Ein schönes Buch hält man da in den Händen. Ästhetisch wie inhaltlich ansprechend. So wie gutes Kino eben.

»Was ist Kino«? Diese Frage stellte 1958-62 schon André Bazin, immer noch einer der wichtigsten Filmtheoretiker in der Lektüre. Wieso »immer noch«? Die Autoren von »Screen Dynamics« stellen – wie der Titel schon verrät – die Wichtigkeit der erneuten Lektüre (»re-read«) für den gegenwärtigen Filmwissenschaftler/-begeisterten heraus. Was vor 50 Jahren Status quo war, muß bei zunehmender Medienwandlung neu überdacht werden. Eigentlich auch ganz logisch. Kino hat sich in den letzten Jahren immer stärker verändert – aussterben wird es wohl nie.

Im Prolog führen die drei (deutschen) Herausgeber in die Grundstruktur des Werkes ein. Zentral sind solche Punkte, Kino als sozialen Raum zu verstehen (»communal and social space«), das breite Spektrum zwischen exorbitanten IMAX-Leinwänden und kompakten Touch-Screens zu erfassen und, auch in diesem Zusammenhang, die divergente Evolution des Kinos als doppelten Fortschritt zu erfassen, auch wenn die traditionelle Vorstellung vom Kino(saal) zu schwinden droht. Letztlich ist »Kino« seit jeher stark an seine technische Apparatur gebunden. Daß diese sich verändert, dürfte jedem von uns klar sein. Und da sich das Kino ändert, müssen – wohl oder übel – auch wir uns ändern.

Die Palette der einzelnen Themen wirkt äußerst sorgfältig ausgewählt. Klassisches Kino wird unter anderem mit Max Ophüls’ Liebelei angesprochen (Miriam Hansen: »Reframing Cinema and Publicness«). Wichtig bleibt neben einer graziösen Ausleuchtung einzelner Bildkader und weiterer räumlicher Aspekte beim Film immer auch der zeitliche Faktor. Wie reagieren heutige Jugendliche, die keine Welt ohne iPads, Mobiltelefone und Internet kennen, auf das Stummfilmkino? Welchen Effekt besitzt das traditionelle Kino beim heutigen Betrachter (cinéphil oder nicht)? Nach nunmehr fast 120 Jahren steht das Kino als Kunstform an einem Punkt, wo einzelne Stilrichtungen so vielfältig und so umfangreich besprochen worden sind, daß ein Generalblick beinahe unmöglich scheint.

Kino ist – immer noch – ein Medium der Masse. Nur eben schon lange nicht mehr in der Vorstellung des (Nach-)Kriegskinos. Das Kino hat sich von seinen ursprünglichen Räumlichkeiten losgelöst, hat seine Grenzen erweitert. Tatsächlich gibt es in unserer heutigen Zeit mehr Kinoleinwände als je zuvor. In einigen Redaktionen gibt es via Internet auch immer wieder jene Debatte, ob Kino zu Hause auch »Kino« ist. Eine definitive Antwort darauf kann und soll an dieser Stelle nicht gegeben werden. Vielleicht nur so viel: Kino ist Kommunikation. Dafür steht (nicht nur) dieses Buch. Je mehr über Kino gesprochen, gelesen und geschrieben wird, umso besser steht es um unsere Lieblingskunst. Die Stärke der hier enthaltenen Beiträge liegt in ihrer konzentrierten Bindung des Medien- und Kulturraums Kino an die Gesellschaft. Kino ist ein Symbol. Wenn nur ein einzelner Betrachter die Bildschirmkonstellation des »Sun Cinema« in der Wüste von Mardin (Grenze Türkei, Syrien und Irak) versteht, bewirkt sie bereits ihren Zweck. Wenn es – dank diesem Buch – mehrere tun, umso besser.

Etwas spezieller richten sich beispielsweise die Beiträge von Tom Gunning (»Moving Away from the Index«) oder Thomas Morsch aus, der sich primär dem narrativen Raum von – wieder allgemeiner – audiovisuellen Medien annähert. Erzählmittel bei TV-Serien wie The O.C. (2003-2007) stellen häufig einen ironischen Kommentar zu bereits etablierten stilistischen Standards dar. Das Medium hinterfragt sich selbst. Oder aber der Benutzer wird fast schon automatisch angehalten, den Inhalt soeben konsumierter Filme oder Serien via Internet zu erweitern. Die Fenster zwischen Online-Stream und Social Network sind ja nur einen Mausklick voneinander entfernt. Vielleicht eine der schlüssigsten Metaphern für die räumliche Verschmelzung des heutigen »Kinos«.

SYNEMA – der Name ist Programm. Das österreichische Filmmuseum hat in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Film und Medien ein englischsprachiges Standardwerk unserer Zeit veröffentlicht. Dem einen oder anderen Leser fällt vor allem der deutsche Filmkritiker und Dozent Simon Rothöhler auf, der immer wieder mit fachkundigen, technisch versierten Beiträgen – wie hier in einer Ausarbeitung seiner bisherigen Anmerkungen über das High-Definition-Kino Michael Manns – punkten kann. Sein CARGO-Kollege Ekkehard Knörer steuert im gleichen Kapitel (»State of the Image«) einen Text bei: Zu bewegten Bildern auf portablen Datenträgern. Hier schließt sich der Kreis zwischen Tradition und Moderne, zwischen »klassischem« Kino und gegenwärtigen Medienbildern. 2012-06-19 16:46
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