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Identitäten in Bewegung

Bettina Dennerlein, Elke Frietsch (Hg.): Identitäten in Bewegung. Migration und Film. Bielefeld 2011. transcript Verlag, 320 Seiten. 32,80 Euro

Kulturtransformationen durch Raum und Zeit

Von Muriel Schindler Im Zuge globaler, transnationaler Wandlungsprozesse kultureller und gesellschaftlicher Lebensformen sind die Themen Migration, Identität und Geschlecht in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten. Dabei präsentieren und reflektieren Literatur, Theater und Film diese Themen in verschiedenen Facetten und ihren jeweils verschiedenen medialen Ausdrucksformen. Besonders das Medium Film erweist sich durch seine ästhetischen und technischen Möglichkeiten als äußerst produktiver Zugang zu diesen Phänomenen und ihren zeitlichen und räumlichen Wandlungen. So stellt sich die Frage, was der Film genau für das Verständnis kultureller Identität leisten kann? In welchen Formen manifestieren sich die Auseinandersetzungen mit Weltanschauungen, Religionen sowie Feindbildern, Stereotypisierungen und gesellschaftliche Marginalisierungen? Wie werden Prozesse des Aushandelns von kulturellen und sozialen Grenzen gezeichnet und wie werden Subkulturen und Hybridisierungen geschaffen? Diesen und anderen Fragen widmet sich der vorliegende Sammelband in einer breiten Auseinandersetzung. Er geht auf den gleichnamigen, interdisziplinären Workshop am Lehrstuhl für Gender Studies und Islamwissenschaften der Universität Zürich im Januar 2010 hervor und beruht auf der Beobachtung, daß sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Spielfilme, Dokumentationen und künstlerische Videos den genannten Themen gewidmet und dabei neben Unterdrückung und politischen Konflikten ebenso individuelle Lebensentwürfe und Handlungsperspektiven aufgezeigt haben. Diese sind in neu entstehenden transkulturellen Räumen mit jeweils spezifischen Möglichkeiten und Ausdrucksformen eingebunden.

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel mit jeweils drei Beiträgen. Diese untersuchen in unterschiedlichen methodischen und disziplinären Verfahrensweisen die spezifischen Möglichkeiten des Mediums Film in Bezug auf Fragen von Migration, Identität und Gender. Vorangestellt wird den drei Kapiteln eine deutsche Übersetzung des bislang nur auf Englisch erschienenen Aufsatzes »Film und kulturelle Identität«, in dem die Kulturwissenschaftlerin und Theoretikerin des Postkolonialismus Rey Chow die Bedeutung des Mediums Film für die Schaffung kultureller Identität diskutiert.

Das folgende erste Kapitel widmet sich dem Thema der Grenze, ihrer Rolle und Medialisierung. Der Beitrag von Ramón Reichert erkundet etwa Genderrepräsentationen von der Berliner Mauer bis zur EU-Außengrenze, während der Beitrag von Elke Frietsch sich am Beispiel von Selbstmordattentätern in Spielfilmen mit der Grenzproblematik im Nahostkonflikt beschäftigt und der dritte Aufsatz in diesem Kapitel sich der Darstellung von Migration und Tourismus in Videoarbeiten der österreichischen Künstlerin Lisl Ponger zuwendet. Daß der Zusammenhang von Räumlichkeit, Medialität und Geschlecht in Zeiten von Globalisierung und wachsender Mobilität für unterschiedliche Formen der Migration bedeutend ist, greift das zweite Kapitel mit Beiträgen rund um diese Thematik auf, während sich unter dem Titel Grenzverschiebungen die Beiträge des dritten Kapitels mit der Darstellung von Migration im engeren Sinn auseinandersetzen. Hier stehen Fragen der (De-)Konstruktion von individueller Identität, Ethnizität und Geschlecht am Schnittpunkt zwischen Fremdzuschreibung und Selbstermächtigung im Zentrum der Untersuchungen.

So weitreichend sich die Themen Migration, Identität und Gender gegenwärtig diskutieren lassen, so facettenreich und tiefgründig beleuchtet dieses Werk ihre verschiedenen medialen Formen und Inszenierungen, ohne eindeutige Antworten zu geben. Vielmehr wird dem Leser ein eigener Raum der Reflexion und Interpretation eröffnet. Eine lohnenswerte und aufschlußreiche Lektüre für alle, die der Verbindung von Film, Migration, Identität und Geschlecht nachgehen und ihre Verknüpfungen begreifen wollen. 2012-10-19 17:22

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