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Im Angesicht des Fernsehens

Chris Wahl, Marco Abel, Jesko Jockenhövel, Michael Wedel (Hg.): Im Angesicht des Fernsehens. Der Filmemacher Dominik Graf. München 2012. Edition Text und Kritik, 355 Seiten. 26,00 Euro

Ja, der Graf

Von Jens Mayer Dominik Graf ist so »in« wie vielleicht noch nie in seiner Karriere. Jahrelang wurde er zwar als Fernsehregisseur ausgezeichnet, aber viel zu selten in einem Zug mit den »großen« Filmemachern in Deutschland genannt. Tykwer, Dresen, Petzold, Schmid, Akin sind die Namen, die den deutschen Film in den letzten zwei Jahrzehnten geprägt haben und denen entsprechend gehuldigt wurde, aber mittlerweile ist Graf wieder in aller Munde, wenn es um die filmische Gegenwart und Zukunft Deutschlands geht.

Das liegt zu einem nicht unerheblichen Teil daran, daß die Diskussion über die »US-Qualitätsserie« die Seminare der Universitäten, die Feuilletons der Tageszeitungen und die Filmmagazine erreicht hat. Letztendlich ist es, neben KDDSchöpfer Orkun Ertener, nur ein Name, der konstant erwähnt wird, wenn es um gelungene Pendants im deutschen Fernsehen geht, der Grafs. Mit Im Angesicht des Verbrechens (2010) hat er für viele so etwas wie den Wunschprototypen der »neuen deutschen Serie« geschaffen und eine ganz neue Generation auf sein Werk aufmerksam gemacht. Die anschließende Zusammenarbeit mit Christian Petzold und Christoph Hochhäusler bei Dreileben (2011) unterstreicht seine ungebrochene Lust am TV-Experiment.

Dementsprechend ist die ausgiebige Beschäftigung mit Dominik Grafs Schaffen zu seinem 60. Geburtstag mehr als überfällig, wie Hochhäusler im Geleitwort bestätigt. Dafür haben die Herausgeber von »Im Angesicht des Fernsehens« es aber tatsächlich geschafft, die Farbpalette, der sich Graf in seinem über 60 Filme umfassenden OEuvre (ein Ausdruck, bei dem ein Genrefilmer wie er wahrscheinlich die Nase rümpfen wird) bedient hat, adäquat abzubilden. Einem vorangestellten Interview mit dem Regisseur folgen 14 ausführliche und anschaulich bebilderte Texte von 13 Autoren, die ausgewählte Filme und Motive analysieren, biographische und werkgeschichtliche Hintergründe beleuchten und verdeutlichen. Dabei wird auch sein nur scheinbar ambivalentes Verhältnis zum Kino herausgearbeitet, das zumindest nach dem Kassen- und Kritikerflop Die Sieger (1994) eine unübersehbare Narbe behalten hat. Doch Graf steht für mehr als den deutschen »Polizeifilm«, darauf gehen Texte zu den Aspekten Heimatfilm, Deutsch-deutsche Gesellschaft, Coming of Age und urbane Archäologie ein. Eine kommentierte Filmographie, die auch Grafs langjährige kreative Mitstreiter vorstellt, rundet die Veröffentlichung ab, die von nun an als Standardwerk angesehen werden darf. 2012-11-09 14:43

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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