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Was wäre, wenn… im Film

Verena Schmöller: Was wäre, wenn… im Film. Marburg 2012. Schüren, 272 Seiten. 29,90 Euro

Alternative Handlungsverläufe

Von Kyra Scheurer Eine wahre Marathonläuferin ist diese Lola – statt durch Berlin rennt sie mittlerweile durch ein Meer von Buchstaben. Ihr dynamisch mit rotem Wuschelkopf durchlaufenes »drei in eins« -Abenteuer ist Grundlage verschiedener Unterrichtsmaterialsammlungen, mehrerer Drehbuchmanuale und unzähliger Doktor- bzw. Magisterarbeiten: von der Analyse der Symbolik, Hypertextualität im zeitgenössischen Film und dem Erzählen im Kino des 21. Jahrhunderts bis zur theologischen Kritik. Jüngst tauchte Lola rennt noch als Fallbeispiel in Julia Eckels »Zeitenwende(n) des Films« in angenehm komprimierter Form auf, nun hat Lola eine Weggabelung in eine weitere Publikation aus dem Hause Schüren eingeschlagen, diesmal zu Spielfilmen mit alternativen Handlungsverläufen. »Was wäre, wenn… im Film« ist eine »überarbeitete Fassung« von Verena Schmöllers Dissertation, ein Sachbuch, das komplett dem wissenschaftlichen Duktus verhaftet bleibt. Was innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses formal unabdingbar ist, hemmt für den rein am Thema interessierten Leser den Rezeptionsgenuß: Man liest sich umständlich durch Definitionen, Abgrenzungen, und die Beschreibung des warum wie gewählten Korpus der betrachteten Filme (neben Lola rennen hier noch andere »übliche Verdächtige« wie Sliding Doors, aber auch einige echte Entdeckungen), um dann bei der recht simplen, aber überzeugenden Grundidee zu landen: der Gabel. Und genau wie das Eßbesteck für das bürgerliche Europa ist auch die filmische Erzählstruktur der Gabelungen eine Bereicherung. Wenn sich durch die in filmischer Varianz gezeigten Handlungspfade, ein anschaulich durchgespieltes »Was wäre gewesen, wenn« verschiedene Alternativen der im realen Leben unumkehrbaren Vergangenheit darstellen und erleben lassen, berührt das ein philosophisches Grunddilemma des Menschen. Die Ebene von Autorenhaltungen aber bleibt hier außen vor, welches magnetische Ideenkraftfeld Filme wie Groundhog Day auch Jahrzehnte später noch erfolgreich sein läßt, ist nicht von Interesse. Allerdings differenziert Schmöller erfolgreich verschiedene Typen filmischer Gabelungen fernab der – genau wie das Filmbeispiel Lola rennt – zunehmend ermüdenden Betrachtungskategorien von »klassischem« und »alternativem« Kino bzw. linearem und nonlinearem Erzählen. Im Aufzeigen der lebendigen Heterogenität von mit »Forking Path«-Muster arbeitenden Filmen liegt ein klarer Gewinn dieser Publikation – ausreichend Motivation für die Lektüre einer über 250 Seiten langen Dissertation ist dies wohl für die wenigsten. 2012-11-16 15:53

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #68.
© 2012, Schnitt Online

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